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Saturday, 6 February 2016

Die Reise nach Agartha (2011)

Intelligenter, überkonstruierter Miyazaki-Aufguss

Asuna ist einsam. Ihr Vater ist viel zu früh gestorben, und ihre Mutter arbeitet tagsüber im Krankenhaus. In der Schule hat sie nur wenige Freunde. Doch eines Tages trifft sie auf einen mysteriösen Jungen, in den sie sich augenblicklich verliebt. Was hat es mit ihm auf sich? Kommt er tatsächlich aus einer anderen Welt, tief unter der Erde, wie ihr neuer Lehrer Ryuji Morisaki glaubt? Die Ereignisse überschlagen sich, und plötzlich befindet sich Asuna zusammen mit Morisaki auf der Reise nach Agartha – Agartha, das phantastische Land, in dem noch Götter wohnen. Das Land, mit dessen Hilfe Morisaki seine verstorbene Geliebte ins Leben zurückholen will …

Der Regisseur und Literaturwissenschaftler Makoto Shinkai macht schon eingangs klar, dass seine Geschichte von einer klassischen Sage inspiriert ist, die überall und seit ewigen Zeiten erzählt worden ist, und die wir als Orpheus in der Unterwelt kennen. Es geht also um die Wiedererweckung einer geliebten Toten. Und noch von einer anderen Quelle bezieht Shinkai seine Inspiration. Die Reise nach Agartha ist nämlich ein offensichtlicher und pompöser Kniefall vor dem Meister des Anime höchstpersönlich: Hayao Miyazaki. Ist man erstmal auf dieser Fährte, bekommt man sie so schnell nicht wieder los. Dann sieht fast jedes Detail wie ein Miyazaki-Zitat aus. Hufspuren unsichtbarer Wesen, junger Mann auf Reittier, Schattenkreaturen mit glühenden Augen; das alles zum Beispiel schaut verdächtig nach Prinzessin Mononoke (1997) aus. Das Charakterdesign erinnert stark an die Handschrift Miyazakis. Sogar die Musik hat teilweise was von dessen Stammkomponisten Joe Hisaishi.

Ist man dadurch gezwungen, Shinkai an Miyazaki zu messen, zieht Ersterer klar den Kürzeren. Der Hauptunterschied zwischen den beiden besteht darin, dass Miyazaki ein wesentlich intuitiverer Regisseur ist. Er muss seine Geschichte nicht erst mit Thesen und Erklärungen rechtfertigen; doch genau das tut Shinkai hier. Das hat zur Folge, dass Die Reise nach Agartha zu konstruiert und nur wenig organisch daher kommt. Mit anderen Worten: Man weiss recht schnell, wie der Hase läuft. Das Wundersame, das den Miyazaki-Filmen eigen ist, stellt sich deswegen leider nie ein.

Andererseits kann man Shinkai nicht vorwerfen, sich keine Mühe zu geben. Denn tatsächlich ist sein Film alles andere als schlecht! Es macht Spass, den beiden Forschungsreisenden nach Agartha zu folgen. Die kurzen Action-Szenen sind ordentlich inszeniert, das Artdesign klasse und die Animation absolut edel, wenn auch zu hochglanzpoliert. Die Story ist schnell durchschaut, aber Shinkai packt genug kleine Twists in den Film, um den Zuschauer bei Stange zu halten. (Als eine Figur ohne Vorwarnung plötzlich den Arm abgerissen bekam, musste ich mich schon kurz wundern, ob ich meine Brille richtig geputzt habe.) In diesen Momenten schafft es Shinkai, sich von seinem Vorbild zu lösen und eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Aber die Summierung solcher Momente ergibt noch kein rundes Ganzes. Abstriche machen muss man auch bei der Hauptfigur Asuna. Zugegeben, sie ist süss und nett und mutig, aber sie ist eben nur süss und nett und mutig. An alle Anime-Regisseure dieser Welt: Solche Mädchen gibt es nicht! Es – gibt – sie – nicht! Asuna hat zu wenig Kanten, als dass sie eine gute Hauptfigur abgibt; noch dazu ist ihre Storyrelevanz marginal. Das spielt Morisaki eine wesentlich wichtigere und spannendere Rolle.

Ich hatte während des Films ständig das Gefühl, Shinkai versuche die Essenz Miyazakis zu fassen, verfehle sie aber immer ganz, ganz knapp. Das ist, wie einem Stürmer dabei zu zusehen, wie er zehnmal aufs Tor schiesst, aber jedes verdammte Mal nur den Pfosten trifft. Einerseits wünscht man sich, ihm möge doch endlich ein Treffer gelingen. Andererseits weiss man: „Irgendwas macht der falsch.“ So ist es auch hier: Shinkai engagiert sich redlich, aber er kriegt’s einfach nicht ganz hin. Zu fragen wäre natürlich, ob es die richtige Taktik ist, derart unverblümt Miyazaki zu folgen. So wirkt der Film, als hätte er Bruchstücke aus einer fremden Filmographie zusammen gekratzt und zu einem hübschen Patchwork verdichtet. Aber das Motto des Regisseurs scheint gewesen zu sein: Lieber passabel kopiert und kombiniert, als schlecht selbst erfunden. Unterm Strich ist die Taktik ganz gut aufgegangen.

7/10

Brave Story (2006)

Ungeschicktes Mischmasch aus Fantasy-Abenteuer und Familiendrama

Watarus Leben macht eine prompte Kehrtwende in die Katastrophe: Sein Vater will die Familie verlassen, woraufhin seine Mutter sich verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Um das düstere Schicksal abzuwenden, reist Wataru in eine Paralleldimension. Dort soll es eine Göttin geben, die ihm jeden Wunsch erfüllen kann. Doch zuerst muss er sich als würdig erweisen und allerlei Queste erfüllen. Auch Watarus Schulkamerad Mitsuru will einen Wunsch erfüllt haben – und zögert nicht lange, dafür über Leichen zu gehen. Die beiden Freunde werden nach und nach zu Rivalen.

Es scheint, als hätte Brave Story sich zu viel vorgenommen. Man wollte unbedingt eine möglichst epische Welt erschaffen, die offensichtlich an Fantasy-Rollenspiele erinnert. Graphisch sieht das alles zwar nett aus, aber die gezeichnete Welt wird nicht mit Leben gefüllt. Nie weiss man, wo man sich aufhält und mit welchem Volk man es zu tun hat. Folglich fehlt ein triftiger Grund zum Mitfiebern.

Man hetzt von einem Szenario ins nächste. Kaum hat man die Kulisse bestaunt, ist man bereits bei einer anderen. Zurück bleibt nichts Halbes und nichts Ganzes: Weder ein befriedigendes Fantasy-Abenteuer, noch ein mitreissendes Familiendrama. Die Schicksale von Wataru und Mitsuru werden nie richtig ausgearbeitet. Als wollten die Filmemacher möglichst schnell den schnöden Alltag verlassen und ins Phantasie-Reich ziehen.

In seinem Kern hat Brave Story eine sinnige, wenn auch abgenutzte Botschaft, die da lautet: Man kann sich nicht einfach wünschen, was immer man will, ohne mit entsprechenden Konsequenzen rechnen zu müssen. Nichts im Leben ist umsonst. Damit stellt der Film eine durchaus interessante moralische Frage, die sich in der Rivalität zwischen Wataru und Mitsuru spiegelt. Leider wird dieser Konflikt nicht mit dem nötigen Inhalt unterfüttert; er bleibt hohl.

Der Film vergaloppiert sich in seiner eigenen, phantastischen Welt und verliert das Wesentliche aus den Augen. So bleibt Brave Story letztlich nicht mehr als eine Skizze. Eine schicke und gut gemeinte Skizze, die leider nicht einlösen kann, was sie verspricht. Trotz dieser Mängel dürften sich jüngere Semester gut unterhalten fühlen. Aus den genannten Gründen kann ich allerdings keine klare Empfehlung aussprechen.

5/10

Das Mädchen mit dem Zauberhaar (2009)

(Die nachfolgende Rezension enthält Spoiler.)

Zauberhafter, tröstlicher Kinderfilm über den Umgang mit dem Tod

Choko ist ein kühles Mädchen, das selten lächelt. In der Grossstadt Tokyo aufgewachsen, zieht sie nun zusammen mit ihrem Vater in die Provinz. In der örtlichen Schule gibt sie sich vornehm und distanziert, was ihre Mitschüler spöttisch stimmt. Doch ein Mädchen öffnet sich Choko. Es ist die verträumte Shinko. Shinko hat einen unsichtbaren Freund, der sie ständig begleitet, geschickt übers Wasser hüpfend. Ausserdem pulsiert in ihrem Kopf die Vision einer Stadt von vor hundert Jahren; die soll nämlich genau hier gestanden haben, wo jetzt endlose Felder in der Sonne wiegen. Mit ihrer Phantasie und Freundschaft will sie Choko das Lachen zurück geben. Um die beiden Mädchen bildet sich bald eine kleine Rasselbande, die allerlei Abenteuer erlebt. Kann Choko ihre Lebensfreude wiedergewinnen? Wird sie über das geschehene Unglück, den Tod ihrer Mutter, hinwegkommen?

Stilistisch und inhaltlich ähnelt Das Mädchen mit dem Zauberhaar (jap. Originaltitel Maimai Shinko to sennen no mahô) der Handschrift Hayao Miyazakis. Insbesondere zu Mein Nachbar Totoro gibt es einige Ähnlichkeiten. Allerdings ist der vorliegende Film kein billiger Abklatsch, sondern ein Werk, das auf eigenen Beinen stehen kann. Tatsächlich hat Regisseur Sunao Katabuchi einen überaus sehenswerten Anime geschaffen. Das Mädchen mit dem Zauberhaar hat Phantasie, Herz und die nötige Ernsthaftigkeit. Denn ein guter Kinderfilm nimmt seine Zuschauerinnen und Zuschauer ernst. Er beschäftigt sich mit manifesten Problemen und versucht nicht einfach, die Kinder in einer Phantasiewelt einzulullen.

Das ist Miyazakis Stärke: Seine Anime sind immer in realen Problematiken fundiert. Katabuchi nimmt diese Philosophie auf. Oder, besser: Er nähert sich ihr von der umgekehrten Seite. Der Film beginnt sonnig und leichtfüssig, doch bald schon ziehen Schatten auf. Grossartig die Szene, in der Choko, Shinko und ihre kleine Schwester aus Unwissenheit Schokoladenlikör verzehren. Plötzlich ruft Choko im Rausch: „Meine Mutter ist tot! Meine Mutter ist tot!“ Dabei lacht sie, die beiden anderen stimmen mit ein. Eine so düstere und tragikomische Wendung hätte ich nicht im Traum erwartet. Und doch kam sie, unversehens und völlig unverkitscht. Davon könnten sich auch Dramen für Erwachsene eine Scheibe abschneiden.

Mit den Standards von Studio Ghibli kann die Animation nicht ganz mithalten. Die Menschen sind etwas „härter“ gezeichnet, gehen nicht flüssig in die Hintergründe über. Gleichwohl ist der Zeichenstil des Animes sehr hübsch. Die Designs der Charaktere sind putzig und liebenswert. Ausserdem wurde offenbar viel Wert auf die Bewegungen und Gesichtsausdrücke der Hauptfiguren gelegt. Diese kommen nämlich authentisch und lebensnah herüber. Nein, an der Animation gibt es absolut nichts auszusetzen. Der Soundtrack ist etwas repetitiv, greift immer mal wieder ein schrulliges A-Capella-Stück auf. Abgesehen davon ist mir die Musik nicht unbedingt aufgefallen. Weder negativ, noch positiv.

Das Mädchen mit dem Zauberhaar zeichnet selbstständige und dreidimensionale Figuren. Diese Kinder ziehen sich nicht kampflos zurück, versinken nicht im Selbstmitleid, sondern versuchen, der Welt etwas Gutes abzugewinnen – auch, wenn immer evidenter wird, dass sie eben nicht nur schön ist. Gegen Ende des Filmes begeht der Vater eines der Kinder Suizid. Das Ereignis wird sogar mit Prostitution in Verbindung gebracht. Daraufhin besuchen Shinko und der Sohn des Verstorbenen das Rotlichtmilieu, um die Ehre des Letzteren wiederherzustellen. Spätestens hier dürfte klar werden, dass der Film Themen behandelt, die nicht für alle Kinder verständlich oder geeignet sind. Mir persönlich hat dieser Abstecher in zwielichtigere Gefilde eigentlich gefallen. Denn er stellt erneut den Willen unter Beweis, die jungen Zuschauer für voll zu nehmen.

Unter einem anderen Gesichtspunkt ist die Episode mit dem „blonden Gift“ allerdings problematisch. Denn sie scheint mir nicht organisch zum Rest des Filmes zu passen. In ihm sollte es doch primär um die Beziehung zwischen Shinko und Choko gehen. Die wird auch wunderbar ausgearbeitet. Nur droht dieser rote Faden gegen Ende hin auszufransen. Plötzlich gibt es noch ein ganz anderes Problem, auf das man sich als Publikum erst einstellen muss. Die Wendung ist einerseits interessant, andererseits lenkt sie vom Wesentlichen ab. Zuletzt kriegt der Film zwar noch die Kurve, aber dramaturgisch ist da trotzdem was schief.

Nun, was ist eigentlich das Hauptmotiv von Das Mädchen mit dem Zauberhaar? Dieses: Shinko und Choko erfahren, dass in der Stadt von vor tausend Jahren ein Mädchen gehaust hat, das so alt war wie sie. In Shinkos Phantasie – und mithilfe ihres Zauberhaars, des „Mai Mais“ – wird aus dem Mädchen ein einsames. Es ist in einem grossen Haus eingesperrt und wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Freundin. So spielen sich parallel zwei Geschichten auf zwei verschiedenen Zeitebenen ab. Die Storyline in der Vergangenheit ist nicht ganz so überzeugend wie diejenige in der Gegenwart. Ihr wird zu wenig Zeit eingeräumt. Die Figuren wirken skizzenhaft bis archetypisch. Es geht eben um eine eingepferchte Prinzessin. Die Intention der zweiten Zeitebene ist relativ klar: Sie soll die Geschehnisse der Gegenwart spiegeln. Offensichtlich wird das, wenn Choko am Ende in die Rolle der Prinzessin schlüpft. Aber irgendwie geht das nicht ganz auf. Es ist wie der Deckel auf einen falschen Topf.

Visuell ist die Geschichte der Prinzessin entzückend; es gibt einige wirklich hübsche Szenen mit Blumen und Blüten. Aber der Plot fällt trotzdem auf die Nase. Er transportiert zu wenig Emotion. Meine Vermutung ist, dass man eine „magische“ Komponente in den Film einbauen wollte. Bei Mein Nachbar Totoro geschehen auch phantastische Dinge, die einen zum Staunen bringen. Aber bei Totoro sind diese Stellen unverzichtbare Bestandteile des Films. Bei Das Mädchen mit dem Zauberhaar wirken die Ausflüge in die Vergangenheit fast wie Fremdkörper. Ich schreibe „fast“, weil es eben doch nett ist, hübsch und gut gemeint. Aber gemessen mit Miyazaki geht diesem Streifen schon ein bisschen die behauptete Magie des Zauberhaars ab.

Dieser Kritikpunkt geht einher mit der grössten Stärke des Films: der Porträtierung von glaub- und liebenswürdigen Kinderfiguren. Es macht wirklich Spass, den Charakteren bei ihren Abenteuern beizuwohnen. (Auch, wenn sie sich nur in einer Höhle vor den Augen einer Katze erschrecken.) Besonders schön ist die Geschichte um den Goldfisch. Hieraus, und nicht aus der zweiten Zeitebene, bezieht der Film seine wahre Magie. Die Kinder legen einen kleinen See an, in dem sie einen Goldfisch entdecken. Gemeinsam behüten sie ihn. Zuletzt verzieren sie den See mit allerlei ansehnlichen Sachen, um dem Goldfisch eine angenehme Umgebung zu schaffen. Diese Art von Zauber, nämlich ein alltäglicher, wäre mir mehr als genug gewesen. Da hätte nicht noch eine weitere Zeitebene eingeschaltet werden müssen.

Der Stausee wird zum Secret Garden der Kinder – jedoch einer, der nicht gefeit ist vor Unheil. Von Verklärung keine Spur. Choko hat ihre Mutter verloren. Über diese Tatsache versucht der Film nicht mit oberflächlichem Firlefanz hinweg zu trösten. Sondern er sagt: Ja, das ist schlimm. Sehr schlimm sogar. Das macht kein Goldfischteich der Welt je vergessen. Und doch: Die Welt hat etwas Schönes. Trotz allem. Es ist nicht einfach, nach vorne zu sehen und dieses Schöne wahrzunehmen. Aber versuche es, so gut es dir möglich ist. Das ist eine reife, erwachsene Botschaft für Kinder.

Kurz und gut: Das Mädchen mit dem Zauberhaar weist dramaturgische Schlaglöcher auf, setzt die Schwerpunkte manchmal an den falschen Stellen, hat aber das Herz am rechten Fleck. Katabuchis Anime ist ein ernst zu nehmendes Drama mit einem guten Schuss Phantasie. Meiner Meinung nach ist man mit dem phantastischen Aspekt etwas unbeholfen umgegangen, aber das trübt den Gesamteindruck nur bedingt. Ein echt gelungener Zeichentrickfilm, der wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdiente.

8/10