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Wednesday, 26 April 2017

Ghost in the Shell (2017)

Gefühl statt Philosophie: Wie man ein richtig gutes Remake dreht

Wer ist Mira Killian? Manche nennen sie eine Maschine; andere nennen sie eine Waffe. Fast wäre Mira bei einem schweren Unfall ums Leben gekommen. Doch die Firma Hanka Robotics birgt ihr Gehirn und pflanzt es in eine synthetische Hülle. Nun arbeitet die Frau mit Roboter-Körper für die japanische Regierung und bekämpft den Cyber-Terrorismus. Als ein mysteriöser Hacker namens Kuze auf der Bildfläche auftaucht, deckt Mira nach und nach ihre wirkliche Vergangenheit auf. Ist sie tatsächlich das, was sie glaubt? Sind ihre Erinnerungsfetzen real, oder pure Illusion? Ist sie letztlich eine blosse Maschinen-Marionette? Immer tiefer dringt Mira in ein gefährliches Gespinst von Intrigen und doppelten Böden …

Nun ist es also da, das amerikanische Remake des Anime-Klassikers Ghost in the Shell  (1995)Naturgemäss wetzten die Fans des Originals ihre Krallen, um diesen Film in Stücke zu reissen. Und natürlich: Wer die Vorlage als Heiligen Gral betrachtet, braucht sich die Realverfilmung gar nicht ernst anzuschauen. Mamoru Oshiis Anime ist philosophisch, abstrakt und kunstvoll, fast artifiziell. Das alles ist Rupert Sanders’ Neuauflage nicht. Sie hat einen spürbar anderen Fokus. Aber muss das schlecht sein? Nein, muss es nicht. Überraschenderweise ist es sogar richtig, richtig gut. Tatsächlich hat Sanders hier ein mustergültiges Remake abgeliefert: Er gewinnt dem Setting eine frische, spannende Perspektive ab. Dieser neue Film kann auf eigenen Beinen stehen, ist aber auch eine respektvolle Verbeugung vor dem Original. Man merkt, dass sich das Team um Ghost in the Shell 2017 grosse Mühe gegeben hat, etwas Ordentliches abzuliefern.

Ghost in the Shell erzählt eine einfachere und direktere Geschichte, als sein Vorgänger. Das ist ärgerlich dann, wenn uns das Drehbuch mit Weisheiten aus dem Glückskeks quält. Wohltuend ist es insofern, als es uns die diffusen und bisweilen prätentiösen Andeutungen des Original erspart. Major Mira (gespielt von Scarlett Johansson) tritt uns hier wesentlich persönlicher entgegen, als die Major im Original. Zu Beginn spielt Johansson ihre Rolle betont hölzern, um mit fortschreitendem Plot immer menschlicher und gefühlvoller zu werden. Überhaupt ist Johansson der Angelpunkt dieses Streifens: Ihre Präsenz ist umwerfend, sie ist ein echter Action-Star. Der Vorwurf, dass die Japanerin Major mit der Besetzung Johanssons „weissgewaschen“ wurde, ist indes doppelter Unsinn. Erstens rockt Scarlett in ihrer Rolle gehörig die Bude (unabhängig davon, ob sie weiss, dunkelgrün oder rosa gepunktet ist), und zweitens wird das angebliche Whitewashing elegant in der Geschichte integriert.

Sanders beginnt den Film mit einer Hochglanz-Optik, die zunächst skeptisch stimmt; war doch das Original vorwiegend geprägt durch eine industrielle, dreckige Atmosphäre. Aber diese kommt mit fortschreitender Laufzeit immer stärker zum Tragen. Viele ikonische Szenen aus dem Anime werden in den Realfilm übertragen. Das misslingt manchmal – etwa bei den Opening Credits, die bei Oshii ästhetisch unerreichbar sind und bleiben. Aber meistens sind sie durchweg gelungener Fanservice. Visuell ist Sanders zuweilen überraschend kunstvoll. Es gibt einige Szenen, die durchaus originell sind: Zum Beispiel, wenn Miras Wut allein durch die schwarze Silhouette Johanssons ausgedrückt wird. Oder wenn sich tausende Kabel zu einem bedrohlichen Gewirr verweben. Die brillanten Bilder rauben einem nicht selten den Atem. Sanders ist noch kein Künstler wie Oshii, aber er ist auf gutem Wege.

Jedenfalls versteht er es, sein Publikum zu fesseln, ohne trivial zu werden. Das liegt vor allem an der Verschiebung vom Philosophischen zum Emotionalen. Während sich Oshii in abstrakten und offenen Fragen verliert, interessiert sich Sanders für das konkrete Schicksal Miras. Und man muss einräumen, dass diese Perspektive im Original tatsächlich zu kurz kommt. Dort ist Major eine leere Hülle, die sich zuletzt geradezu auflöst. Sanders vollzieht hier beinahe die umgekehrte Bewegung: von der leeren Hülle zum Menschlich-Allzumenschlichen. Hier hat man also einen Schwerpunkt gesetzt, der dem Stoff einen erfrischenden Twist gibt und das Universum von Ghost in the Shell um interessante Facetten erweitert.

Auch die kurzen Action-Szenen sind nicht von schlechten Eltern. Eye-Candy, wohin das Auge reicht! Wer sich darüber beklagt, durch diesen gefälligen Stil sei die „Substanz“ des Originals verloren gegangen, der muss daran erinnert werden, dass auch Oshii zu stilistischer Grosssprecherei neigt – und dass Ghost in the Shell 2017 sehr wohl Substanz aufweist, wenn auch eine andere. Wahr ist, dass die Geschichte etwas simpel ausgefallen ist. Störend ist zum Beispiel der platte Bösewicht. Allerdings ist Miras Suche nach ihrer Identität wahrhaft packend. Es ist fast wohltuend, dass man sich nicht allzu lange mit tief schürfenden Fragen aufhält und bald zur Sache kommt. Das zeigt, dass man sich über den Fokus und die Stärken des Filmes im Klaren ist – und wohlweislich auf ein psudo-intellektuelles Vollzitat verzichtet. Manchmal sind es eben auch die kleinen Freuden, die einen Kinobesuch ausmachen: Welcher Freund des japanischen Filmes muss nicht grinsen, wenn Takeshi „Beat“ Kitano als Aramaki ein waschechter Badass sein darf?

Rupert Sanders’ Ghost in the Shell ist eine grosse Überraschung; eine würdige, wenn auch etwas zu glatt polierte Neuverfilmung des Sci-Fi-Animes. Die Optik ist edel, Scarlett Johansson endcool, die Action ordentlich und die Story grundsolide. Wer diesen Film unvoreingenommen betrachtet, wird auf gutem Niveau unterhalten. Der Film ist kein Meilenstein. Allerdings zeigt uns Sanders, wie man ein verdammt gutes Remake dreht.

8/10

Monday, 3 April 2017

Ringu (1998)

Schleichender Grusel aus der Videokassette

Ein Fluch geht um in Japan. Genauer gesagt eine Videokassette. Wer sie sich ansieht, soll nach sieben Tagen sterben. So sagt man zumindest. Die Journalistin Reiko (Nanako Matsushima) will den Gerüchten auf den Grund gehen und macht die Kassette ausfindig. Sie wagt es: Sie schaut sich den sonderbaren Film darauf an. Und muss plötzlich um ihr eigenes Leben bangen. Subtil bedrohliche Zeichen mehren sich. Ein Telefon klingelt, doch am anderen Ende herrscht Schweigen. Auf Fotografien erscheint Reikos Gesicht plötzlich verzerrt. Zusammen mit ihrem Ex-Mann Ryuji (Hiroyuki Sanada) versucht sie, das Unheil abzuwenden. Sie sucht nach dem Ursprung der Kassette. Doch ist sie bereit für das, was in der Vergangenheit lauert?

In Gruselgeschichten wimmelt es von verfluchten Objekten. Wir denken an Amulette, Puppen oder Bücher; alles Dinge, die aus dem Dachboden eines verlassenen Hauses geborgen werden können. Doch auch moderne, vertraute Gegenstände werden mitunter zum Zentrum unseres Grauens. So etwa der Fernseher in Tobe Hoopers Poltergeist (1982). Doch nirgendwo ist der Techno-Horror effektiver, als im japanischen Kino: Tetsuo (1989) verwandelt seinen Protagonisten zur Maschine und Pulse (2001) vergegenwärtigt uns die Einsamkeit des Menschen im digitalen Zeitalter. Die grösste Ikone des japanischen Techno-Horrors dürfte allerdings Hideo Nakatas Ringu (1998) sein. Wird der Film seinem Kultstatus gerecht?

In der ersten Hälfte kommt Ringu recht unaufgeregt daher, ist eher Detective Mystery als Horror. Nakata verwendet viel Zeit darauf, in die Charaktere und die Hintergründe einzuführen. Akzente werden durch schrille Soundeffekte und leise Seltsamkeiten gesetzt. Die Kamera ist grösstenteils zurückhaltend, insbesondere dann, wenn sie die journalistischen Recherchen Reikos einfängt. Hier hat man zuweilen das Gefühl, einer mediokren Krimiserie zu folgen. Dieser realistische, kühle Ton lässt den Film zuweilen langatmig erscheinen. Die stilistische Ruhe sorgt dafür, dass die übernatürlichen Szenen umso stärker wirken. Dennoch wünscht man sich zuweilen, das Drehbuch wäre etwas straffer.

Ringu ist ein hintersinniger Meta-Film, der sich selbst zum Gegenstand des Horrors macht. Denn Nakata zeigt das verfluchte Video direkt. So werden die Zuschauer selbst Zeugen des todbringenden Filmmaterials. Natürlich glauben wir nicht ernsthaft daran, dass wir nach der Sichtung von Ringu sterben könnten. Aber sobald die Idee in unseren Köpfen ist, lässt sie sich nicht so leicht verscheuchen. Zumal das böse Omen äusserst profan ist: Wenn der Fluch seine Wirkung zeigt, klingelt das Telefon. Da zuckt man doch nervös auf, wenn man das nächste Mal einen Anruf erhält … Das alles sind äusserst effektive Kniffe, die das Gruseln mühelos ins echte Leben tragen. Das verfluchte Video ist schon für sich genommen gespenstisch genug: schwarz-weiss, surreal, unverständlich. Da stehen die Nackenhaare zu Berge.

In der zweiten Hälfte zieht Ringu deutlich die Spannungsschraube an. Reiko und Ryuji dringen immer tiefer ins ins Herz der Finsternis, decken die Ursache des Fluches auf und landen in einem Wettlauf gegen die Zeit. Hier finden sich die spektakulärsten Stellen des Filmes: sie sind spannungsvoll und bedrückend. Grandios ist die Szene, in der das ehemalige Paar in einen Brunnen steigt und ihn ausschöpft. (Ehrlich, im Kontext des Plots ergibt das einen Sinn. Aber Spoiler sind böse. Deshalb: Pssst.) Ihre Verzweiflung und Erschöpfung sind mit Händen greifbar. Meisterlich inszeniert von Nakata. 

So zermürbend ist die Brunnen-Sequenz, dass sie sogar die Schlussszene in den Schatten stellt. Jene Szene, in der sich der Fluch im wahrsten Sinne des Wortes manifestiert. Jene Szene, die es in den Kanon der Popkultur geschafft hat. Mittlerweile wurde sie fleissig parodiert und reproduziert, nicht nur zu ihrem Nutzen. Der letzte Schocker von Ringu muss wohl als Klassiker des modernen Horrorfilms angesprochen werden. Aber leider verliert sie nach jeder neuen Sichtung an Kraft. Wahrscheinlich deswegen, weil die Szene eher theoretisch, als filmisch interessant ist. Wenn die Pointe draussen ist, ist sie draussen. Beim zweiten Mal will sich der Schock nicht mehr so recht einstellen. Ja, das Ende bewegt sich fast an der Grenze des unfreiwillig Komischen. (Gerade beim J-Horror liegen das Lachhafte und das Verstörende zuweilen nahe beieinander.) Trotzdem: Beim ersten Mal haut das Ende schon rein. Mindestens einmal muss man es sich geben. 

Ringu ist ein edler Gruselfilm mit modernen Ideen und intelligenter Prämisse, der sich zu Beginn viel Zeit lässt, gegen Ende aber die richtigen Töne trifft. Vergleicht man ihn mit anderen Klassikern des J-Horrors, fällt er etwas ab. Leider kann man Ringu kein Meisterwerk nennen: Zu abhängig ist Nakata von der einen Schlussszene, zu träge schreitet der Plot voran, zu blass wirkt die Hintergrund-Geschichte der Kassette, und zu überhastet ist der allerletzte Twist. Trotzdem eignet sich Ringu vorzüglich als Einstieg in die asiatische Welt des Grusels. Das Setting ist zugänglich, die Grundidee packend, das Mysterium fesselnd. Aber Achtung: Das Teil kann eine Röhrenfernseher-Phobie verursachen. Na ja, glücklicherweise gibt es davon nicht mehr allzu viele.

8/10

Saturday, 14 May 2016

Wie der Wind sich hebt (2013)

Über die dunkle Seite des Traumes

Schon als Kind träumt Jirō Horikoshi den Traum vom Fliegen. Die Konstruktionsweise von Flugzeugen fasziniert ihn mehr, als alles andere. Im Studium entpuppt er sich als genialer Ingenieur, und bald macht er Karriere bei der Firma Mitsubishi. In den frühen 1930er-Jahren reist Jirō nach Deutschland. Mit Schrecken stellt er fest, dass die Technik der Nazis derjenigen Japans um Jahre voraus ist. Jirō macht sich daran, die Flugzeuge seines Landes zu revolutionieren. Daneben hat er mit einer persönlichen Krise zu kämpfen: Seine Ehefrau Naoko leidet unter Tuberkulose, was einen düsteren Schatten auf ihre Beziehung wirft. Ob beruflich oder privat, Jirō findet stets Trost in seiner Phantasie. So verdrängt er nicht nur den drohenden Krieg, sondern auch die Krankheit seiner Liebsten …

Wie der Wind sich hebt ist das untypische, doch auch bezeichnende Abschlusswerk Hayao Miyazakis. Untypisch ist es deshalb, weil es klar in der Realität angesiedelt ist und von einer historischen Persönlichkeit erzählt. Bezeichnend ist es insofern, als es eine letzte Reflexion über die Phantasie ist, die bei Miyazaki stets eine wichtige Rolle gespielt hat. Immer wieder träumt Jirō vom italienischen Ingenieur Giovanni Caproni, der ihn in seiner Vision des Flugzeugbaus bestärkt. Caproni meint: Es ist viel schöner, Flugzeuge zu erdenken, als sie zu fliegen. Die Theorie übertrumpf sozusagen die Praxis. Wenn Jirō am Schreibtisch statische Berechnungen ausführt, dann stellt er sich plastisch vor, wie er in die Lüfte steigt. Ein Flugzeug, so Caproni, ist nicht nur definiert über seinen Zweck, sondern auch über seine ästhetische Form. In Jirōs Träumen dienen die Flugzeuge einem friedlichen Zweck; anmutig und frei schweben die Gefährte durch die hellen Lüfte. Jirō Schwärmerei überdeckt völlig die eigentliche Funktion der Flugzeuge, die er gestaltet. Denn Mitsubishi arbeitet im Auftrag der japanischen Armee, und Jirōs Kreationen sind für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg bestimmt.

Dass Jirōs Träume über die Realität des Krieges hinweg täuschen, ist moralisch höchst problematisch. Der junge Japaner arbeitet an Waffen der Zerstörung, während seine Gedanken in einer Idylle gefangen sind. Fraglich ist, inwiefern man die Verblendung der Hauptfigur dem Film selbst vorwerfen kann. Richtig ist, dass Miyazaki seine unglaubliche Vorstellungskraft hier in den Dienst eines Verklärungs- und Verdrängungsprozesses stellt. Allerdings wird diese Verdrängung im Film durchaus deutlich: Die Flugzeuge erscheinen stellenweise als Instrumente des Todes, und die Kriegssituation wird nicht verleugnet. Letztlich aber triumphiert die bestechende Phantasie über die brutale Wirklichkeit; der Krieg bleibt ein störendes Hintergrundrauschen, das Jirō nicht an sich heranlässt. Es ist schon fraglich, ob Miyazaki diesen Prozess hinreichend durchdacht hat. Eine gewisse politische Naivität muss man Wie der Wind sich hebt wohl oder übel attestierten.

Ungewöhnlich ist, dass Wie der Wind sich hebt zum Intellektualisieren neigt. Wer hätte gedacht, dass es jemals einen Miyazaki-Film geben würde, in dem Paul Valéry und Thomas Mann zitiert werden? Manche Szenen kommen mit einer Ernsthaftigkeit daher, die im Kontext von Miyazakis Schaffen fast befremdlich wirkt: So etwa wie Darstellung des Kantō-Erdbebens von 1923. Die Katastrophe selbst inszeniert Miyazaki als gewaltiges Naturereignis mit mythischen Anklängen. Die Auswirkungen des Bebens sind allerdings einem eindrücklichen Realismus verpflichtet. Solche Szenen bringen eine grimmige Seite des Anime-Altmeisters zum Vorschein. Es ist eine, die wir nur selten gesehen haben; am ehesten noch bei Prinzessin Mononoke (1997), dort allerdings in einer dezidierten Fantasy-Umgebung.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Jirō und Naoko spielt sich auf der Achse zwischen Traum und Wirklichkeit ab. Um zu genesen, sollte Naoko eigentlich ein Sanatorium in den Bergen besuchen. Doch die frisch Vermählten wollen zusammen leben und sich nahe sein; das bedeutet allerdings, dass Naoko ihrem Mann etwas vorspielen muss. Sie ist längst nicht so gesund, wie sie vorgibt, zu sein … Krieg und Krankheit: Vor den beiden grossen Krisen seines Lebens verschliesst Jirō die Augen. Die Beziehung zwischen Jirō und Naoko geht durchaus zu Herzen, auch wenn sie gegen Ende fast kitschig wird. 

Technisch gesehen ist Wie der Wind sich hebt atemberaubend. Nie sah ein Miyazaki-Film so geschmeidig, klar und rund aus. Der Soundtrack hat einen europäischen Anklang. Bestimmte Stücke des Komponisten Joe Hisaishis erinnern allerdings stark an frühere Ghibli-Filme. Der historische Kontext raubt Miyazaki ein bisschen seinen Zauber; seine Kunstgriffe werden mitunter durchschaubar. Es ist, als formte sich hier eine neue Herangehensweise, die noch nicht ganz ausgereift ist. Fast wünscht man sich, Miyazaki schritte noch entschiedener in Richtung Realismus. 

Wie der Wind sich hebt ist eine leise Enttäuschung. Der Film geht in eine vielversprechende Richtung, steht aber etwas unbeholfen auf den Beinen. Fast ist man versucht zu glauben, Miyazaki entzaubert seinen eigenen Stil, indem er sich dem frühen Isao Takahata (Die letzten Glühwürmchen, 1988; Tränen der Erinnerung, 1991) annähert. Das ist wohl interessant; doch wo Miyazaki noch an seinen phantastischen Szenen festhält, geraten sie gefährlich nahe ins Fahrwasser des Kitsches und der Naivität. Trotzdem ist Wie der Wind sich hebt ein bemerkenswerter Zeichentrickfilm über das widersprüchliche Leben eines genialen Träumers. Und war Hayao Miyazaki in seinen besten Filmen nicht genau dies: ein träumendes Genie? Insofern ist es vielleicht sogar passend, dass sein Abschlusswerk – ob bewusst oder nicht – die dunkle Seite des Traumes offenlegt.


8/10

Saturday, 20 February 2016

Stoker (2013)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Überstilisierter, morbider Horror-Thriller über eine gefühlsleere Familie

Richard Stoker ist tot; und niemand weiss so recht, weshalb. Fest steht nur, dass seine Ehefrau Evelyn (Nicole Kidman) und seine Tochter India (Mia Wasikowska) nurmehr zu zweit im noblen Stoker-Anwesen leben. Nach der Beerdigung des Familienvaters nistet sich jemand Drittes im Hause ein: Charles Stoker (Matthew Goode), Richards mysteriöser Bruder. Anfangs zeigt India ihrem charismatischen Onkel die eiskalte Schulter, zumal sie eine Affäre zwischen ihm und Evelyn vermutet. Doch die Dinge sind anders, als sie scheinen, denn die Familie Stoker verbirgt so einige dunkle Geheimnisse …

Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook (Oldboy; I'm a Cyborg, But That's OK) ist ein grandioser Stilist des Morbiden. Sein Talent stellt er auch in der vorliegenden, englischsprachigen Produktion Stoker unter Beweis. Der Film beginnt bereits auffällig mit schiefen Kamera-Einstellungen und scheinbar unmotivierten Freeze Frames. Das Stoker-Anwesen und der umliegende Garten wirken bedrückend und kalt, wenn auch faszinierend in ihrer düsteren Noblesse.

Mia Wasikowska (Alice in Wonderland, 2010) als India Stoker ist wie ein schlafender Vulkan, der kurz davor ist, auszubrechen. Sie entspricht dem Klischee des zugeknöpften, doch anziehenden Mauerblümchens. Der Gefühlsleere im Äusseren entspricht ein Brodeln im Innern. Wasikowska bringt den Spannungsbogen ihrer Figur subtil und gleichzeitig kraftvoll zur Darstellung. Matthew Goodes (Watchmen, The Imitation Game) Leistung als Charles Stoker ist nicht weniger beeindruckend: Den weltgewandten Schönling nimmt man ihm ebenso mühelos ab wie den unberechenbaren Weirdo. Leider hat Nicole Kidman (Dogville, The Others) kaum Gelegenheit, wirklich zu glänzen; sie mimt die anhängliche und verletzliche Dame des Hauses aber anstandslos.

Sieht man von einzelnen visuellen Leckerbissen ab, bleibt die Inszenierung Parks überraschend bodenständig. Trotzdem weist Stoker durchaus den ein oder anderen „Was zur Hölle war das denn bitteschön?“-Moment auf. Solche Momente ergeben sich diesmal nicht unbedingt aus surrealen Bildern, sondern vor allem aus dem Inhalt, der von Minute zu Minute stärker in die perverse Erotik abdriftet. Diese Perversität hat nicht nur mit den latent inzestuösen Geschehnissen im Hause Stoker zu tun; sie ist insbesondere der Tatsache geschuldet, dass Park das sexuelle Erwachen Indias eng an Gewalt und Tod knüpft. Die Schlüsselstelle dieses Filmes ist eine verstörende Masturbations-Szene, die keineswegs Ausdruck der Lust, sondern vielmehr Ausbruch der Verzweiflung ist.

Es ist denn auch diese Szene, die den letzten Akt von Stoker einläutet; und der ist keine leichte Kost. Die Taten der drei Hauptfiguren werden zusehends fragwürdiger; und zwar nicht nur moralisch (mit Moral hat dieser Film gar nichts am Hut), sondern emotional. Eine Identifikation mit den Stokers ist zuletzt kaum mehr möglich. Besonders die Charakterentwicklung Indias wird inhaltlich nur unzulänglich ausgeleuchtet, sodass sich der Zuschauer mit der Symbolik des Filmes behelfen muss. Diese fällt teilweise leider etwas flach aus, namentlich wenn es darum geht, Indias verlorene Unschuld darzustellen. Stoker spricht äusserst interessante Themen an: apathische Grausamkeit, familiäre Abhängigkeiten, unwilliges Erwachsen-Werden, sexuelle Frigidität und grüblerische Einsamkeit. Alles dies gipfelt in einem zwar ungewöhnlichen, doch unzugänglichen Finale.

Stoker ist besonders dann interessant, wenn er die Grenzen der morbiden Erotik auslotet. Hier macht sich ein ganz eigener Grusel breit. Stilistisch überspannt Park manchmal merklich den Bogen. Trotzdem: Dieser Film ist ein Fest für die Sinne, ein elegant-düsteres Familienportrait und eine unterkühlte Charakterstudie. Die enigmatische India Stoker hat das Zeug dazu, eine ikonische Figur des Horror-Genres zu werden. Aber dafür müssen wir wohl noch ein paar Jährchen warten. Denn für die Familie Stoker erwärmt man sich nicht von heute auf morgen.

8/10

Saturday, 6 February 2016

Das Mädchen mit dem Zauberhaar (2009)

(Die nachfolgende Rezension enthält Spoiler.)

Zauberhafter, tröstlicher Kinderfilm über den Umgang mit dem Tod

Choko ist ein kühles Mädchen, das selten lächelt. In der Grossstadt Tokyo aufgewachsen, zieht sie nun zusammen mit ihrem Vater in die Provinz. In der örtlichen Schule gibt sie sich vornehm und distanziert, was ihre Mitschüler spöttisch stimmt. Doch ein Mädchen öffnet sich Choko. Es ist die verträumte Shinko. Shinko hat einen unsichtbaren Freund, der sie ständig begleitet, geschickt übers Wasser hüpfend. Ausserdem pulsiert in ihrem Kopf die Vision einer Stadt von vor hundert Jahren; die soll nämlich genau hier gestanden haben, wo jetzt endlose Felder in der Sonne wiegen. Mit ihrer Phantasie und Freundschaft will sie Choko das Lachen zurück geben. Um die beiden Mädchen bildet sich bald eine kleine Rasselbande, die allerlei Abenteuer erlebt. Kann Choko ihre Lebensfreude wiedergewinnen? Wird sie über das geschehene Unglück, den Tod ihrer Mutter, hinwegkommen?

Stilistisch und inhaltlich ähnelt Das Mädchen mit dem Zauberhaar (jap. Originaltitel Maimai Shinko to sennen no mahô) der Handschrift Hayao Miyazakis. Insbesondere zu Mein Nachbar Totoro gibt es einige Ähnlichkeiten. Allerdings ist der vorliegende Film kein billiger Abklatsch, sondern ein Werk, das auf eigenen Beinen stehen kann. Tatsächlich hat Regisseur Sunao Katabuchi einen überaus sehenswerten Anime geschaffen. Das Mädchen mit dem Zauberhaar hat Phantasie, Herz und die nötige Ernsthaftigkeit. Denn ein guter Kinderfilm nimmt seine Zuschauerinnen und Zuschauer ernst. Er beschäftigt sich mit manifesten Problemen und versucht nicht einfach, die Kinder in einer Phantasiewelt einzulullen.

Das ist Miyazakis Stärke: Seine Anime sind immer in realen Problematiken fundiert. Katabuchi nimmt diese Philosophie auf. Oder, besser: Er nähert sich ihr von der umgekehrten Seite. Der Film beginnt sonnig und leichtfüssig, doch bald schon ziehen Schatten auf. Grossartig die Szene, in der Choko, Shinko und ihre kleine Schwester aus Unwissenheit Schokoladenlikör verzehren. Plötzlich ruft Choko im Rausch: „Meine Mutter ist tot! Meine Mutter ist tot!“ Dabei lacht sie, die beiden anderen stimmen mit ein. Eine so düstere und tragikomische Wendung hätte ich nicht im Traum erwartet. Und doch kam sie, unversehens und völlig unverkitscht. Davon könnten sich auch Dramen für Erwachsene eine Scheibe abschneiden.

Mit den Standards von Studio Ghibli kann die Animation nicht ganz mithalten. Die Menschen sind etwas „härter“ gezeichnet, gehen nicht flüssig in die Hintergründe über. Gleichwohl ist der Zeichenstil des Animes sehr hübsch. Die Designs der Charaktere sind putzig und liebenswert. Ausserdem wurde offenbar viel Wert auf die Bewegungen und Gesichtsausdrücke der Hauptfiguren gelegt. Diese kommen nämlich authentisch und lebensnah herüber. Nein, an der Animation gibt es absolut nichts auszusetzen. Der Soundtrack ist etwas repetitiv, greift immer mal wieder ein schrulliges A-Capella-Stück auf. Abgesehen davon ist mir die Musik nicht unbedingt aufgefallen. Weder negativ, noch positiv.

Das Mädchen mit dem Zauberhaar zeichnet selbstständige und dreidimensionale Figuren. Diese Kinder ziehen sich nicht kampflos zurück, versinken nicht im Selbstmitleid, sondern versuchen, der Welt etwas Gutes abzugewinnen – auch, wenn immer evidenter wird, dass sie eben nicht nur schön ist. Gegen Ende des Filmes begeht der Vater eines der Kinder Suizid. Das Ereignis wird sogar mit Prostitution in Verbindung gebracht. Daraufhin besuchen Shinko und der Sohn des Verstorbenen das Rotlichtmilieu, um die Ehre des Letzteren wiederherzustellen. Spätestens hier dürfte klar werden, dass der Film Themen behandelt, die nicht für alle Kinder verständlich oder geeignet sind. Mir persönlich hat dieser Abstecher in zwielichtigere Gefilde eigentlich gefallen. Denn er stellt erneut den Willen unter Beweis, die jungen Zuschauer für voll zu nehmen.

Unter einem anderen Gesichtspunkt ist die Episode mit dem „blonden Gift“ allerdings problematisch. Denn sie scheint mir nicht organisch zum Rest des Filmes zu passen. In ihm sollte es doch primär um die Beziehung zwischen Shinko und Choko gehen. Die wird auch wunderbar ausgearbeitet. Nur droht dieser rote Faden gegen Ende hin auszufransen. Plötzlich gibt es noch ein ganz anderes Problem, auf das man sich als Publikum erst einstellen muss. Die Wendung ist einerseits interessant, andererseits lenkt sie vom Wesentlichen ab. Zuletzt kriegt der Film zwar noch die Kurve, aber dramaturgisch ist da trotzdem was schief.

Nun, was ist eigentlich das Hauptmotiv von Das Mädchen mit dem Zauberhaar? Dieses: Shinko und Choko erfahren, dass in der Stadt von vor tausend Jahren ein Mädchen gehaust hat, das so alt war wie sie. In Shinkos Phantasie – und mithilfe ihres Zauberhaars, des „Mai Mais“ – wird aus dem Mädchen ein einsames. Es ist in einem grossen Haus eingesperrt und wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Freundin. So spielen sich parallel zwei Geschichten auf zwei verschiedenen Zeitebenen ab. Die Storyline in der Vergangenheit ist nicht ganz so überzeugend wie diejenige in der Gegenwart. Ihr wird zu wenig Zeit eingeräumt. Die Figuren wirken skizzenhaft bis archetypisch. Es geht eben um eine eingepferchte Prinzessin. Die Intention der zweiten Zeitebene ist relativ klar: Sie soll die Geschehnisse der Gegenwart spiegeln. Offensichtlich wird das, wenn Choko am Ende in die Rolle der Prinzessin schlüpft. Aber irgendwie geht das nicht ganz auf. Es ist wie der Deckel auf einen falschen Topf.

Visuell ist die Geschichte der Prinzessin entzückend; es gibt einige wirklich hübsche Szenen mit Blumen und Blüten. Aber der Plot fällt trotzdem auf die Nase. Er transportiert zu wenig Emotion. Meine Vermutung ist, dass man eine „magische“ Komponente in den Film einbauen wollte. Bei Mein Nachbar Totoro geschehen auch phantastische Dinge, die einen zum Staunen bringen. Aber bei Totoro sind diese Stellen unverzichtbare Bestandteile des Films. Bei Das Mädchen mit dem Zauberhaar wirken die Ausflüge in die Vergangenheit fast wie Fremdkörper. Ich schreibe „fast“, weil es eben doch nett ist, hübsch und gut gemeint. Aber gemessen mit Miyazaki geht diesem Streifen schon ein bisschen die behauptete Magie des Zauberhaars ab.

Dieser Kritikpunkt geht einher mit der grössten Stärke des Films: der Porträtierung von glaub- und liebenswürdigen Kinderfiguren. Es macht wirklich Spass, den Charakteren bei ihren Abenteuern beizuwohnen. (Auch, wenn sie sich nur in einer Höhle vor den Augen einer Katze erschrecken.) Besonders schön ist die Geschichte um den Goldfisch. Hieraus, und nicht aus der zweiten Zeitebene, bezieht der Film seine wahre Magie. Die Kinder legen einen kleinen See an, in dem sie einen Goldfisch entdecken. Gemeinsam behüten sie ihn. Zuletzt verzieren sie den See mit allerlei ansehnlichen Sachen, um dem Goldfisch eine angenehme Umgebung zu schaffen. Diese Art von Zauber, nämlich ein alltäglicher, wäre mir mehr als genug gewesen. Da hätte nicht noch eine weitere Zeitebene eingeschaltet werden müssen.

Der Stausee wird zum Secret Garden der Kinder – jedoch einer, der nicht gefeit ist vor Unheil. Von Verklärung keine Spur. Choko hat ihre Mutter verloren. Über diese Tatsache versucht der Film nicht mit oberflächlichem Firlefanz hinweg zu trösten. Sondern er sagt: Ja, das ist schlimm. Sehr schlimm sogar. Das macht kein Goldfischteich der Welt je vergessen. Und doch: Die Welt hat etwas Schönes. Trotz allem. Es ist nicht einfach, nach vorne zu sehen und dieses Schöne wahrzunehmen. Aber versuche es, so gut es dir möglich ist. Das ist eine reife, erwachsene Botschaft für Kinder.

Kurz und gut: Das Mädchen mit dem Zauberhaar weist dramaturgische Schlaglöcher auf, setzt die Schwerpunkte manchmal an den falschen Stellen, hat aber das Herz am rechten Fleck. Katabuchis Anime ist ein ernst zu nehmendes Drama mit einem guten Schuss Phantasie. Meiner Meinung nach ist man mit dem phantastischen Aspekt etwas unbeholfen umgegangen, aber das trübt den Gesamteindruck nur bedingt. Ein echt gelungener Zeichentrickfilm, der wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdiente.

8/10