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Saturday, 10 June 2017

Battle Royale (2000)

Platte Sozialsatire, blutig verpackt

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Im Asien der nicht allzu fernen Zukunft ist das Realität, was Sokrates angeblich schon immer wusste: Die Jugend ist verdorben und respektos. Die Jugendkriminalität hat derart drastische Ausmasse angenommen, dass die Regierung dringend etwas dagegen unternehmen muss. Der Masterplan? Ganz einfach: Man nehme jedes Jahr eine zufällige Schulkasse, entführe sie auf eine abgelegene Insel und lasse sie gegeneinander kämpfen, auf Leben und Tod. Das bringt den kleinen Rackern bestimmt Manieren bei … Na ja, vielleicht auch nicht. Immerhin kann man das Spektakel als Reality Show vermarkten und dabei gehörig Kasse machen.

Battle Royale (2000) geht mit einer Direktheit ans Werk, die einem ein anerkennendes, wenn auch stirnrunzelndes Nicken entlockt. Der Regisseur Kinji Fukasaku (Fukkatsu no hi) verschwendet kaum eine Minute, bis er die Schulkasse mit dem tödlichen Spiel konfrontiert. Der ehemalige Klassenlehrer Kitano führt seelenruhig in die Spielregeln ein: Nur ein Mitglied der Klasse kann überleben, alle anderen müssen sterben. Jeder Schüler erhält eine zufällige Waffe, und los geht’s. Was geschieht? Nach einem anfänglichen Scharmützel raufen sich die Schüler in Grüppchen zusammen und versuchen, der unmenschlichen Ausgangslage zu entkommen – und zwar alle auf ihre je eigene Weise. Einige begehen Suizid, andere versuchen das System zu sabotieren, wieder andere metzeln ihre eigenen Freunde rücksichtslos nieder. Dabei bedient sich Fukasaku einer unverblümten, unaufgeregten Brutalität. Er zeigt uns genau das, was zu erwarten ist: erst hoffnungsloser Widerstand, dann Verrohung und schliesslich Chaos. Fatalistisch scheint der Film auf das zuzusteuern, was Kitano vorgesehen hat: auf das Überleben eines Einzelnen, der seinen Sieg bitter und unmoralisch erkämpft hat.

Das Geschehen nimmt sich aus wie eine pointierte, plakative Version von William Goldings Roman Lord of the Flies (1954). Kann uns Battle Royale etwas Neues bieten? Kaum. Explizite Gewalt ist kein Ersatz für tiefe Emotionen. Und Tiefe fehlt diesem Film tatsächlich, auch wenn er uns mit diversen surrealen Sequenzen etwas anderes vorgaukeln will. Eine Mediensatire ist Battle Royale nicht länger als fünf Minuten lang, und als Gesellschaftssatire ist das Gezeigte zu durchschaubar. Man kann es niemandem verdenken, der nach dem Film schulterzuckend fragt: „Und nu’?“ Interessant ist allenfalls die psychische Verfassung des Klassenlehrers Kitano (wunderbar flapsig gespielt von Takeshi Kitano), der im Zentrum einiger Szenen steht, die von Park Chan-wook (Oldboy, Lady Vengeance) hätten gedreht werden können. Aber die Symbolik dieser traumartigen Szenen ist neblig, und Kitanos Motive bleiben entsprechend undurchsichtig.

Battle Royale punktet vor allem mit seinem Unterhaltungswert. Es ist packend, der blutigen Selbstzerstörung der Klasse beizuwohnen. Fukasakus Inszenierung ist grundsolide, vor allem bei den Actionszenen – die übrigens gar nicht so schockierend sind, wie manchmal suggeriert wird. Fukasaku tut sein Möglichstes, um die Schüler nicht auf Kanonenfutter zu reduzieren. Dass er an dieser Aufgabe scheitert, ist nicht ihm anzulasten, sondern dem überladenen Plot. Man mag einwenden, dass die Pointe ja gerade darin bestehe, die 42 Schüler auch auf filmischer Ebene zu instrumentalisieren. Das kann aber nicht stimmen, da sich Fukasaku durchaus um emotionale Zugänglichkeit bemüht. Battle Royale ist keine nihilistische Zuschauerfolter à la Die 120 Tage von Sodom. Es handelt sich um ein Action-Thriller mit zynischer Prämisse, in dem sich zuletzt – und allen Befürchtungen zum Trotz – Zuversicht einstellt. Es ist eine Zuversicht, die letztlich fast naiv wirkt – und Battle Royale als Unterhaltungsfilm ausweist, der mehr sein will, aber nicht mehr sein kann.

Was bleibt? Eine Schulkasse, die sich selbst zerfleischt. Eine vielversprechende Prämisse, spannend umgesetzt. Für einen kurzweiligen Filmabend reicht das. Aber die Idee hätte wesentlich mehr hergegeben. Wen das Thema „Krieg im japanischen Klassenzimmer“ interessiert, ist mit Tetsuya Nakashimas vielschichtigem Psychogramm Confessions (2010) besser bedient.

6/10

Wednesday, 26 April 2017

Ghost in the Shell (2017)

Gefühl statt Philosophie: Wie man ein richtig gutes Remake dreht

Wer ist Mira Killian? Manche nennen sie eine Maschine; andere nennen sie eine Waffe. Fast wäre Mira bei einem schweren Unfall ums Leben gekommen. Doch die Firma Hanka Robotics birgt ihr Gehirn und pflanzt es in eine synthetische Hülle. Nun arbeitet die Frau mit Roboter-Körper für die japanische Regierung und bekämpft den Cyber-Terrorismus. Als ein mysteriöser Hacker namens Kuze auf der Bildfläche auftaucht, deckt Mira nach und nach ihre wirkliche Vergangenheit auf. Ist sie tatsächlich das, was sie glaubt? Sind ihre Erinnerungsfetzen real, oder pure Illusion? Ist sie letztlich eine blosse Maschinen-Marionette? Immer tiefer dringt Mira in ein gefährliches Gespinst von Intrigen und doppelten Böden …

Nun ist es also da, das amerikanische Remake des Anime-Klassikers Ghost in the Shell  (1995)Naturgemäss wetzten die Fans des Originals ihre Krallen, um diesen Film in Stücke zu reissen. Und natürlich: Wer die Vorlage als Heiligen Gral betrachtet, braucht sich die Realverfilmung gar nicht ernst anzuschauen. Mamoru Oshiis Anime ist philosophisch, abstrakt und kunstvoll, fast artifiziell. Das alles ist Rupert Sanders’ Neuauflage nicht. Sie hat einen spürbar anderen Fokus. Aber muss das schlecht sein? Nein, muss es nicht. Überraschenderweise ist es sogar richtig, richtig gut. Tatsächlich hat Sanders hier ein mustergültiges Remake abgeliefert: Er gewinnt dem Setting eine frische, spannende Perspektive ab. Dieser neue Film kann auf eigenen Beinen stehen, ist aber auch eine respektvolle Verbeugung vor dem Original. Man merkt, dass sich das Team um Ghost in the Shell 2017 grosse Mühe gegeben hat, etwas Ordentliches abzuliefern.

Ghost in the Shell erzählt eine einfachere und direktere Geschichte, als sein Vorgänger. Das ist ärgerlich dann, wenn uns das Drehbuch mit Weisheiten aus dem Glückskeks quält. Wohltuend ist es insofern, als es uns die diffusen und bisweilen prätentiösen Andeutungen des Original erspart. Major Mira (gespielt von Scarlett Johansson) tritt uns hier wesentlich persönlicher entgegen, als die Major im Original. Zu Beginn spielt Johansson ihre Rolle betont hölzern, um mit fortschreitendem Plot immer menschlicher und gefühlvoller zu werden. Überhaupt ist Johansson der Angelpunkt dieses Streifens: Ihre Präsenz ist umwerfend, sie ist ein echter Action-Star. Der Vorwurf, dass die Japanerin Major mit der Besetzung Johanssons „weissgewaschen“ wurde, ist indes doppelter Unsinn. Erstens rockt Scarlett in ihrer Rolle gehörig die Bude (unabhängig davon, ob sie weiss, dunkelgrün oder rosa gepunktet ist), und zweitens wird das angebliche Whitewashing elegant in der Geschichte integriert.

Sanders beginnt den Film mit einer Hochglanz-Optik, die zunächst skeptisch stimmt; war doch das Original vorwiegend geprägt durch eine industrielle, dreckige Atmosphäre. Aber diese kommt mit fortschreitender Laufzeit immer stärker zum Tragen. Viele ikonische Szenen aus dem Anime werden in den Realfilm übertragen. Das misslingt manchmal – etwa bei den Opening Credits, die bei Oshii ästhetisch unerreichbar sind und bleiben. Aber meistens sind sie durchweg gelungener Fanservice. Visuell ist Sanders zuweilen überraschend kunstvoll. Es gibt einige Szenen, die durchaus originell sind: Zum Beispiel, wenn Miras Wut allein durch die schwarze Silhouette Johanssons ausgedrückt wird. Oder wenn sich tausende Kabel zu einem bedrohlichen Gewirr verweben. Die brillanten Bilder rauben einem nicht selten den Atem. Sanders ist noch kein Künstler wie Oshii, aber er ist auf gutem Wege.

Jedenfalls versteht er es, sein Publikum zu fesseln, ohne trivial zu werden. Das liegt vor allem an der Verschiebung vom Philosophischen zum Emotionalen. Während sich Oshii in abstrakten und offenen Fragen verliert, interessiert sich Sanders für das konkrete Schicksal Miras. Und man muss einräumen, dass diese Perspektive im Original tatsächlich zu kurz kommt. Dort ist Major eine leere Hülle, die sich zuletzt geradezu auflöst. Sanders vollzieht hier beinahe die umgekehrte Bewegung: von der leeren Hülle zum Menschlich-Allzumenschlichen. Hier hat man also einen Schwerpunkt gesetzt, der dem Stoff einen erfrischenden Twist gibt und das Universum von Ghost in the Shell um interessante Facetten erweitert.

Auch die kurzen Action-Szenen sind nicht von schlechten Eltern. Eye-Candy, wohin das Auge reicht! Wer sich darüber beklagt, durch diesen gefälligen Stil sei die „Substanz“ des Originals verloren gegangen, der muss daran erinnert werden, dass auch Oshii zu stilistischer Grosssprecherei neigt – und dass Ghost in the Shell 2017 sehr wohl Substanz aufweist, wenn auch eine andere. Wahr ist, dass die Geschichte etwas simpel ausgefallen ist. Störend ist zum Beispiel der platte Bösewicht. Allerdings ist Miras Suche nach ihrer Identität wahrhaft packend. Es ist fast wohltuend, dass man sich nicht allzu lange mit tief schürfenden Fragen aufhält und bald zur Sache kommt. Das zeigt, dass man sich über den Fokus und die Stärken des Filmes im Klaren ist – und wohlweislich auf ein psudo-intellektuelles Vollzitat verzichtet. Manchmal sind es eben auch die kleinen Freuden, die einen Kinobesuch ausmachen: Welcher Freund des japanischen Filmes muss nicht grinsen, wenn Takeshi „Beat“ Kitano als Aramaki ein waschechter Badass sein darf?

Rupert Sanders’ Ghost in the Shell ist eine grosse Überraschung; eine würdige, wenn auch etwas zu glatt polierte Neuverfilmung des Sci-Fi-Animes. Die Optik ist edel, Scarlett Johansson endcool, die Action ordentlich und die Story grundsolide. Wer diesen Film unvoreingenommen betrachtet, wird auf gutem Niveau unterhalten. Der Film ist kein Meilenstein. Allerdings zeigt uns Sanders, wie man ein verdammt gutes Remake dreht.

8/10

Wednesday, 6 July 2016

Shaolin Soccer (2001)

Infantile Brachial-Parodie auf Kampfkunst- und Sportfilme

Er hätte der grösste Fussballstar Chinas werden können: Fung (Man-Tat Ng), „The Golden Leg“. Doch sein skupellose Rivale Hung (Yin Tse) intrigiert gegen ihn: Er bricht Fungs goldenes Bein. Jahrzehnte später ist Hung ein erfolgreicher Fussballtrainer, und Fung ein Nichts. Doch Fung gibt nicht auf! Er nimmt sich vor, eine Fussballmannschaft zu Trainieren und ganz nach oben zu bringen. Dabei soll ihm Sing (Stephen Chow) helfen, „The Mighty Steel Leg“. Sing, ein begeisterter und ziemlich naiver Kampfkünstler, trommelt sofort seine Brüder zusammen: Gemeinsam bilden sie ein Team von „Kung-Fussballern“. Die Mischung aus Kung fu und Fussball wirkt Wunder: Sie besiegen ihre Gegner im Flug. Nur ein Team kann ihnen gefährlich werden: dasjenige des bösen Trainers Hung. Wird Fung seinen Erzrivalen endlich bezwingen können?

Stephen Chows Shaolin Soccer (2001) nimmt sich keine Sekunde lang ernst. Der Film brennt ein Feuerwerk aus überzeichneten Slapstick-Einlagen und abstrusen Situationen ab. Als Zuschauer kann man da nur staunen, und der pure Wahnwitz auf der Leinwand dürfte den ein oder anderen Lachkrampf provozieren. Der Humor, der uns hier geboten wird, ist ausserordentlich infantil. Das macht den Film entwaffnend: Er ist ein unschuldiger Spass, ein Guilty Pleasure. Blödelei ist die reinste Form der Komik, und Chow hat sie gemeistert. Allerdings hat der Film einen grundsätzlichen Makel: Nicht alle seine Witze zünden. Oft ist das Gelächter bloss ein Reflex auf das Unvorhergesehene, frei nach dem Motto: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ In dieser Hinsicht ist Shaolin Soccer so etwas wie ein gewollter Trashfilm; und manchmal muss man ihm vorwerfen, zu viel zu wollen. Die Naivität ist hier eben nicht wahrhaft unschuldig wie etwa bei Ed Wood (Plan 9 from Outer Space), sondern kalkuliert. Das trübt den Spass ein bisschen.

Shaolin Soccer ist dann am besten, wenn er in den Fussballszenen schwelgt: Da wird der Ball wird in die Stratosphäre gekickt, oder erhält einen unrealistischen Drall, sodass er in der Luft eine regelrechte Kehrtwende macht. Szenen wie diese zaubern einem ein kindliches Grinsen ins Gesicht. Das ist pure Brechstangen-Unterhaltung, ohne Rücksicht auf Verluste. Und es ist toll! In diesen Momenten verlässt der Film sein Kalkül: Hier parodiert Chow nicht bloss Kampfkunst- und Sportfilme, sondern geniesst die Szenen selbst. Die überzeichneten Spezialeffekte tun ihr Übriges. Fast fühlt man sich in einen Zeichentrickfilm oder ein Videospiel versetzt. Vielleicht hätte dem Film eine ernstere Rahmenhandlung sogar gut getan? Actionszenen werden ja nicht dadurch unterhaltsamer, dass man sie ironisch bricht.

So oder so, eigentlich kann man dem guten Stephen Chow nicht böse sein. Dazu sind seine Kung-Fussballer dann doch zu sympathisch und spassig. Shaolin Soccer ist ein wunderbarer Partyfilm und als solcher vollumfänglich zu empfehlen. Auch Cineasten dürfen einen Blick riskieren; eine derart erratische Brachial-Komödie bekommt man schliesslich nicht alle Tage vor die Linse. In dieser Hinsicht dürfte Chows Magmum Opus Kung Fu Hustle (2004) allerdings einschlägiger sein, ist dieser doch noch eine Spur ausgefeilter und irrer. Die Moral von der Geschicht: Kung fu plus Fussball ist ein Wundermittel gegen Langeweile, aber eine humoristische Erleuchtung sieht anders aus.

6/10

Saturday, 2 July 2016

The Assassin (2015)

„Wer? Weshalb? Wohin?“ Ein sinnloser Wettlauf mit dem Plot

Nie Yinniang (Shu Qi) ist schön, schweigsam und tödlich: Nachdem ihr die Heirat verwehrt wird, lässt sie sich zur Auftragsmörderin ausbilden. Um zu beweisen, dass sie ihrer Berufung gewachsen ist, muss sie eine Aufgabe erfüllen. Sie soll Tian Ji'an (Chang Chen) töten, den Gouverneur der Stadt Weibo. Kein Problem für eine abgebrühte Meisterin der Kampfkunst? Doch, schon. Ji'an war nämlich ihre grosse Liebe. Die beiden hätten einst beinahe geheiratet. Nun aber soll Yinniang ihren ehemaligen Geliebten töten. Wird sie dazu in der Lage sein?

The Assassin von Hou Hsiao-Hsien verknüpft das chinesische Wuxia-Genre mit den ästhetischen Ambitionen eines Arthouse-Filmes. Die Kampfszenen spielen hier eine untergeordnete Rolle. Grösseres Augenmerk wird den Stilmitteln gewidmet, die hier vor allem die Landschaftsaufnahmen betreffen. Diese sehen wirklich todschick aus. Allerdings machen solch malerischen Bilder noch keinen guten Film. Leider muss man The Assassin vorwerfen, dass er hinter seiner schmucken Fassade kaum etwas zu bieten hat. Der Regisseur Hou ist nicht dazu in der Lage, seine hohen Ansprüche einzulösen.

The Assassin basiert auf einem simplen Konflikt: Wird die Assassine ihren Gefühlen folgen, oder ihrer Pflicht? Das ist nun kein besonders originelles Thema. Doch auch aus einer altbekannten Prämisse lässt sich eine spannende Geschichte stricken. Bedauerlicherweise kann davon keine Rede sein: Der Konflikt zwischen Yinniang und Ji'an ist eine blosse Behauptung, emotional bleibt er völlig blass, sodass überhaupt nie Spannung aufkommt. Die Motivationen der Figuren werden weder durch das Drehbuch, noch durch das Schauspiel sichtbar gemacht; meistens stieren die Leute nur vor sich hin. In diesen Gesichtern sind keine tiefen Gefühle lesbar. Vor allem Yinniang steht meist nur stoisch herum. Hou versucht den emotionalen und symbolischen Gehalt des Filmes auf den Stil abzuwälzen. Die bestechenden Landschaftsaufnahmen vermögen die Leere der Geschichte allerdings nicht zu kompensieren. Die Bilder sind einfach nur schön. Das reicht nicht!

Das Drehbuch überflutet die Geschichte mit Nebenplots, die irrelevant, zäh und konfus sind. Yinniang Mutter liefert zu Beginn zwar freundlicherweise ein Exposé, aber die verschiedenen Figuren werden reichlich unbeholfen eingeführt. Dann geht eine Gruppe plötzlich auf Reisen; man weiss weder weshalb, noch wohin. Ein alter Mann vollführt eine Art Voodoo-Zauber. Was ist seine Motivation? Keine Ahnung. Was bewirkt der Zauber genau? Keine Ahnung. Die konfuse Erzählstruktur scheint gewollt zu sein; Hou schickt seine Zuschauer ganz bewusst auf einen Wettlauf mit dem Plot. Und ja, manchmal entsteht dadurch ein Aha-Erlebnis, wenn man dann doch einen Zusammenhang herstellen kann. Das geschieht aber zu selten; das Allermeiste bleibt bis zum Schluss im Dunkeln. Langweile und Verwirrung können durchaus zu ästhetischen Erfahrungen führen; das ist bei The Assassin jedoch nicht der Fall. Es ist nicht einzusehen, welchen Nutzen es hier haben soll, wenn die Zuschauer der Geschichte hinterher hecheln müssen.

Die inhaltliche Leere schlägt auch auf die Kampfszenen des Filmes um. Die Kämpfe in Ang Lees Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000) sind deshalb so bestechend, weil sie von den Konflikten zwischen den Figuren getragen sind. Hier dagegen scheinen die Kämpfe sinnlos, weil man sich mit den Fechtenden nicht identifizieren kann. Meistens mäht Yinniang ohnehin nur namenloses Kanonenfutter nieder. So ist The Assassin ein kurioser Fehlschlag: Er will mehr sein als ein Wuxia-Film, scheitert an diesem Anspruch allerdings grandios: Weder ist die Geschichte tiefsinnig, noch sind die Kämpfe spannend. Einzelne Szenen sind filmisch interessant; etwa, wenn mit Tüchern vor der Kamera Gefühle von Intimität und Verborgenheit beschworen werden. Aber was sollen diese Glanzlichter, wenn der Film als Ganzes nur langweilt und verwirrt?

3/10

Monday, 29 February 2016

Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Ein Kampfkunstfilm von ausserordentlicher Poesie

Der geachtete Schwertkämpfer Li Mubai (Chow Yun-Fat) will eine Vergangenheit des Blutvergiessens hinter sich lassen. Er beauftragt seine Kampfgefährtin Yu Xiulian (Michelle Yeoh), das legendäre Grüne Schwert einem gemeinsamen Freund namens Te zu schenken. Kaum jedoch hat Yu das Schwert übergeben, wird es prompt aus dem Anwesend Tes gestohlen. Dieser Diebstahl genügt, um Li Mubai auf den Pfad der Gewalt zurückzuführen. Denn die Spuren führen zum berüchtigten Jadefuchs, der einst Lis ehrwürdigen Meister tötete. Li Mubais Rachepläne verweben sich mit einer Affäre zwischen der eingeengten Gouverneurstochter Jiao Long (Ziyi Zhang) und dem heissblütigen Räuber Luo Yiao Hu (Chen Chang). Und wie steht es mit den Gefühlen, die Li seit Jahren für seine Vertraute Yu Xiulian hegt? Ist den beiden Meisterkämpfern eine gemeinsame Zukunft beschieden?

Mit Crouching Tiger, Hidden Dragon nimmt sich das Gerne-Chamäleon Ang Lee (Hulk, Brokeback Mountain) dem chinesischen Wuxia-Film an, wobei die vorliegende Produktion eben so sehr ein Actionfilm, wie ein romantisches Drama ist. Lees Werk ist dialoglastig ausgefallen. Die Gespräche werden behäbig und steif inszeniert, was dem Film eine nachdenkliche Stimmung verleiht, teilweise aber auch Langeweile erzeugt. Einige Themen, wie etwa das chinesische Frauenbild, werden allzu direkt angesprochen.

Der Film kontrastiert zwei Beziehungen: Die Liebe zwischen Li Mubai und Yu Xiulian ist reif, zurückhaltend und tief, während die Liebe zwischen Luo Yiao Hu und Jiao Long naiv, stürmisch und unüberlegt daher kommt. Das ältere Pärchen hat ihre Gefühle aus Pflicht- und Ehrgefühl jahrelang unterdrückt, vielleicht zu lange. Dagegen ist das jüngere Pärchen bereit, wider jegliche Vernunft und ohne Voraussicht zu handeln. Besonders der Unterschied zwischen den beiden Frauenfiguren Yu und Jiao ist bezeichnend. Yu ist stets bestrebt, die Wogen zu glätten und ihre eigenen Leidenschaften hinten an zu stellen. Jiao folgt ihrem Impuls, der von kindlicher Überheblichkeit nur so strotzt und sich um mögliche Konsequenzen nicht schert. Der Konflikt zwischen Yu und Jiao kumuliert in einer spektakulären Kampfszene, der besten des Filmes; sie ist gleichzeitig ein Widerstreit zweier Wesensarten.

Überhaupt sind die Kampfszenen in Crouching Tiger, Hidden Dragon echte Hingucker. Jeder Kampf hat seine eigene Atmosphäre; sei diese meditativ, romantisch, albern oder todernst. Hier geht es nicht nur darum, dem Publikum möglichst coole Moves um die Ohren zu hauen; die tänzerischen Kampfschritte transportieren Gefühle auf eine Weise, wie ich es noch nie gesehen habe. Lee entwickelt hier eine wunderbare Filmpoesie der Bewegungen. Mit dieser visuellen Ästhetik kann der Plot nicht immer mithalten; wenn er auch durchaus intelligent ist, neigt er doch stellenweise zu argem Kitsch. Die Geschichte spitzt sich denn auch auf eine grosse Tragödie zu, der man Einfachheit und Pathos vorwerfen kann – aber nicht muss, denn das Finale ist unheimlich bewegend und erstickt mit seiner epischen Eleganz jeglichen Zynismus. Der berührende Score von Tan Dun (Hero) tut sein Übriges.

Jiao Long verhält sich dermassen unvernünftig, dass sie selbst den hinterhältigen Jadefuchs als Antagonistin in den Schatten stellt. Li Mubai äussert immer wieder den Wunsch, ihr Meister zu werden. Doch davon will Jiao nichts wissen; sie begnügt sich mit effektvollen, aber leeren Kampftechniken. Ihr jugendlicher Übermut verhindert, dass sich ihr Talent zu echter Meisterschaft ausbildet. Der Konflikt zwischen weisem Meister und uneinsichtiger Schülerin verwebt sich am Ende mit den beiden Liebesgeschichten, sodass die Geschichte auf einen runden Schlusspunkt zuläuft.

Crouching Tiger, Hidden Dragon ist in den Dialogen ruhig und tiefsinnig, in den Kämpfen gefühlvoll und atemberaubend. Fraglich sind allenfalls einzelne humoristische Einlagen und der etwas zähe Mittelteil. Der ausserordentlichen Poesie von Ang Lees Kampfkunstfilm tut dies aber keinen Abbruch. Ein äusserst empfehlenswertes Werk – auch und gerade für jene, die mit dem Genre unvertraut sind.

9/10

Thursday, 18 February 2016

Ghost in the Shell (1995)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Kunstvoller Science-Fiction-Film, der tief in philosophische Fragen eintaucht

2029. Unter dem Codenamen „Puppet Master“ begeht ein meisterhafter Hacker auf dem ganzen Globus Cyber-Verbrechen. Als er in Japan aktiv wird, zieht er die Aufmerksamkeit der Sektion 9 auf sich; einer Abteilung der Regierung, die für die öffentliche Sicherheit zuständig ist. Die Cyborg-Agentin Motoko Kusanagi aus Sektion 9 macht sich auf, den mysteriösen Hacker zu fassen. Motoko merkt schnell, dass auf den Spuren des Puppet Masters einige Geheimnisse verborgen liegen – nichts zuletzt Geheimnisse über sie selbst …

Es ist hinreichend bekannt, dass Mamoru Oshiis Ghost in the Shell (jap. Kōkaku Kidōtai Gōsuto In Za Sheru) als Inspirationsquelle für den einflussreichen aber letztlich mittelmässigen Spielfilm The Matrix (1999) der Wachowski-Geschwister diente. Was die ästhetische Ambition und die inhaltliche Komplexität betrifft, gehört der vorliegende Zeichentrickfilm allerdings eher in die Liga von Ridley Scotts Blade Runner (1982) – vielleicht übertrifft er ihn sogar. Ghost in the Shell berührt viele genuin philosophische Fragen: Was ist der Mensch? Was heisst es, zu leben? Wie kann in einem Körper eine Seele stecken? Was macht unsere Persönlichkeit in ihrem innersten Wesen aus? Ist die menschliche DNA vergleichbar mit einer Programmiersprache? Wie lassen sich Wirklichkeit und Illusion unterscheiden – wenn überhaupt? Wo sollten die Grenzen des Human Enhancements gezogen werden? Oshii vermeidet es, platte Antworten auf diese Fragen zu liefern. Genauer gesagt verzichtet er überhaupt auf Antworten. Vielmehr lädt er zu einer meditativen Reflexion über sie ein, wie er es schon zehn Jahre früher in seinem atemberaubenden Arthouse-Anime Angel's Egg (1985) getan hat.

Als ich Ghost in the Shell zum ersten Mal sah, störte mich dieser Ansatz; ich empfand ihn als intellektuelle Ausflucht, zumal mir einige Aussagen (etwa des Puppet Masters) philosophisch missfielen. Mittlerweile jedoch bewundere ich die Offenheit des Filmes; denn sie ist alles andere als ein billiger Taschenspielertrick. Mit jeder Sichtung werden neue thematische Nuancen und Verbindungslinien sichtbar. Grosse Kunst ist schweigsam; sie gibt ihre Geheimnisse nicht leichtfertig Preis. Und  ist Ghost in the Shell ist grosse Kunst, die sich mühelos mit dem populären Sic-Fi-Genre verbindet.

Der ungeheure Stilwille Oshiis zeigt sich schon in den Opening Credits. Sie stellen die Erschaffung eines Cyborgs dar und heben diesen Vorgang auf eine fast schon sakrale Ebene. Eine Szene des Intros ist stilistisch besonders bemerkenswert: Sie zeigt Motoko, wie sie vom Bett ihres Appartements aufsteht und sich für den Arbeitstag bereit macht. Die Kamera ist statisch auf das Fenster gerichtet, das in eine öde Skyline blickt. Um das Fenster herum ist alles schwarz. Dann erscheint auf dem Boden ein Lichtstreifen; Motoko, ausserhalb des Bildausschnitts, hat eine Tür geöffnet. Wenig später erscheint sie als Silhouette vor dem Fenster. Dann, unvermittelt, werden die Rollläden geschlossen. Absolute Dunkelheit. In nur wenigen Sekunden baut Oshii ein virtuoses Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten, abstrakten Formen und musikalischer Rhythmisierung auf.

Allerdings sind auch die Schauwerte von Ghost in the Shell nicht zu verachten. Die Action-Szenen inszenieren präzise jede Bewegung und jeden Schuss. Sie haben etwas Kontemplatives, was vor allem am Soundtrack liegt; Oshii unterlegt den lauten Kugelhagel mit einem nachdenklichen Musikteppich, was einen knackigen Kontrast ergibt. Besonders beeindruckend ist der Showdown zwischen Motoko und einem schwer bewaffneten Panzer-Roboter. Noch in einem ohrenbetäubenden Kugelgewitter gelingt es Oshii, philosophische Ideen in die Handlung zu weben, ohne dass es forciert wirkt. Ghost in the Shell schafft es, ohne Bombast denkwürdige Action zu liefern.

Am Ende des Filmes greift Oshii nach einer metaphysischen Ebene, wobei er sich religiöser Symbole bedient. Motoko, so scheint es, überschreitet die Grenzen des Menschlichen. Sie wird eins mit dem weltumspannenden, digitalen Netzwerk und erreicht so eine Art der Unsterblichkeit. „The net is vast and limitless“, sagt sie zum Schluss – ein Satz, der durchaus als Weisung des 21. Jahrhunderts gelesen werden kann. Das Internet ist längst zu einer Erweiterung unserer Persönlichkeit geworden; mehr denn je ist unser Geist mit anderen verlinkt. Dass Ghost in the Shell das Digitale nicht nur mit dem Biologischen, sondern auch mit dem Religiösen parallelisiert, ist äusserst interessant. Haben die Wachowski-Geschwister aus ihrer Hauptfigur Neo einen billigen Jesus-Verschnitt gemacht, sind Oshiis Überlegungen wesentlich scharfsinniger. Sie gemahnen an den Pantheismus und an den philosophischen Begriff des Absoluten.

Dass Oshii alle diese abstrakten und komplexen Themen schlüssig in einen spannenden Sci-Fi-Thriller von gerade Mal 80 Minuten Laufzeit einzuweben versteht, ist ein eigentliches Wunder. Stellenweise hat man den Eindruck, dass der Fragenkatalog arg breit gefächert ist, zumal die Antworten grösstenteils ausbleiben. Die Leerstellen, mit denen Oshii das Publikum zurücklässt, können seelenlos wirken – sie sind es aber nicht, wenn man dem Film die Aufmerksamkeit schenkt, die er verdient. So muss Ghost in the Shell nicht nur als Meilenstein des japanischen Zeichentrickfilms, sondern des Science-Fiction-Genres im Allgemeinen angesprochen werden.

10/10

Saturday, 6 February 2016

Only God Forgives (2013)

(Stil * Suspense * Nonsens) – Inhalt

Julian (Ryan Gosling) betreibt einen Boxclub in Bangkok, doch das wirkliche Geschäft macht er mit Drogenhandel. Eines Tages wird Julians Bruder durch die Anweisung des Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) ermordet. Voller Blutdurst reist die Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) nach Bangkok. Ihr jüngerer Sohn Julian soll den Tod ihres Lieblings rächen. Dieser zögert anfangs noch, doch nach und nach gerät er in eine Spirale sinnloser Gewalt.

Only God Forgives: Diesen Film also lässt der Däne Nicolas Winding Refn auf seinen Erfolg Drive folgen. Vor zwei Jahren wurde er in Cannes noch als bester Regisseur geehrt, dieses Jahr zeigt sich die Kritik bestenfalls verständnislos, wenn nicht gar feindselig. Verwundern tut’s nicht, ist doch Only God Forgives ein Kinoerlebnis, das sich bewusst quer stellt. Refn treibt die emotionale Leere, die sich auch in Drive zeigt, konsequent auf die Spitze. Gesprochen wird fast überhaupt nicht. Ryan Gosling (schon in »Drive« nicht der Redseligste) und Vithaya Pansringarm (Till We Meet Again) starren minutenlang in die Kamera, als gälte es eine Wette zu gewinnen: Wer schaut apathischer aus der Wäsche? Zum Glück ist da noch Kristin Scott Thomas (The English Patient), die als zickige Mama gehörig die Zähne fletscht und das Schweigen mit einigen coolen One-Linern unterbricht.

Zwischen die Phasen des Wartens drängen sich immer mal wieder heftige Gewalt-Ausbrüche, die einen kurz aufschrecken lassen, aber weit davon entfernt sind, Aha-Momente zu liefern. Meist ohne erkennbare Motivation werden Leute gefoltert, verstümmelt und abgemetzelt. Diese Szenen sind überstilisiert und sinnentleert: Es gibt keinen Grund für die Gewalt, aber sie setzt immer wieder ein, als ginge es nicht anders, als könne oder wolle man nicht dagegen ankämpfen. Schön und gut. Nur muss sich Refn die Frage gefallen lassen: Und nu’?

Gute Kunst lässt dem Zuschauer Raum, das ist wahr. Aber Refns Raum ist leer und bedeutungslos. Er will ein vielsagendes Schweigen beschwören, ohne dass er etwas zu sagen hätte. Freilich lädt Only God Forgives dazu ein, Julian einen Ödipus-Komplex zuzuschreiben, und natürlich könnte man allerhand Tiefgründiges in den Film hinein dichten. Aber warum sollte man? Dafür gibt uns Refn zu wenig Anhaltspunkte und zu wenig Faszination. Teilweise sind die ach-so-tiefgründigen Szenen sogar (unfreiwillig) komisch.

Only God Forgives ist gefährlich nah dran, vermessener, selbstverliebter Schwachsinn zu sein. Was den Film rettet, sind seine formalen Qualitäten. Wie Refn trotz völliger Inhaltsleere die Spannung hoch hält, das ist schon bemerkenswert. Hier wird virtuos mit der Geduld des Zuschauers gespielt. Immer wieder sitzt man frustriert da, und doch bleibt die Frage: Wie geht’s weiter? Hat die ganze Sache vielleicht nicht doch einen Sinn? Am deutlichsten zeigt sich das am Ende des Films, das eine Auflösung oder Pointe suggeriert, diese Erwartung aber enttäuscht und offen legt: Es gibt nichts zu sagen. Rein gar nichts.

So wirkt das Ganze fast wie ein abstraktes Kunstwerk: Stil mal Suspense mal Nonsens minus Inhalt. Only God Forgives ist eine formale Fingerübung, und die Zuschauer sind Refns Versuchskaninchen. Muss man sich das antun? Nein. Aber man kann. Wenn man weiss, worauf man sich einlässt.

6/10

TRON: Legacy (2010)

Coole Lichtershow mit hanebüchenem Plot

Kevin Flynn (Jeff Bridges) ist seit Jahren unauffindbar. Sein Sohn Sam Flynn (Garrett Hedlund) müsste eigentlich die Verantwortung über die väterliche Firma ENCOM übernehmen, doch das interessiert ihn herzlich wenig. Einer mysteriösen Nachricht folgend, untersucht Sam den alten Arcade-Schuppen seines Vaters. Dort entdeckt er nicht nur Unmengen von Staub, sondern die Geheimtür in eine virtuelle Welt, die "The Grid" genannt wird. Hier werden gefährliche, aber immerhin coole Gladiatoren-Spielchen ausgefochten. Und irgendwo im Grid muss sich Kevin Flynn verstecken. Doch in diesem auf Hochglanz poliertem Neonnetz lauert auch ein grosses Übel, das danach trachtet, die wirkliche Welt zu annektieren …

Mit Steven Lisbergers TRON (1982) feierte Disney einen verfrühten Triumph der digitalen Spezialeffekte. Da ist es nur konsequent, dass die Fortsetzung TRON: Legacy ebenfalls der Computertechnik zelebriert – und alles, was nur ansatzweise wie eine brauchbare Story aussieht, links liegen lässt. Der dünne Plot des Originals ist noch eher entschuldbar, denn es hat die Zeit auf seiner Seite und kann mitunter als Dokument derselben betrachtet werden. Anders TRON: Legacy: Da muss schon mehr kommen, als eine nostalgische Aktualisierung der TRON-Ästhetik. Und genau das ist das Problem: Es kommt nicht mehr.

Wenigstens haut man uns am Anfang und am Ende des Films eine berauschende Lichtershow um die Ohren, begleitet von wuchtigen Tönen aus der Daft Punk-Schmiede. Das ist schon beeindruckend; aber was, wenn man sich daran satt gesehen und gehört hat? Dann merkt man, dass sich die Mitte des Films unerträglich zäh hin zieht. Der arme Jeff Bridges, der die Rolle von Kevin Flynn wieder aufnimmt und darüber hinaus das böse, böse Programm C.L.U. mimt, muss den Film während dieser Zeit fast ganz allein stemmen. Doch auch er kann nicht kaschieren, dass TRON: Legacy letztlich nichts zu sagen hat, dafür aber esoterisch herum schwadroniert und uns das tausendste Faschismus-Abziehbild vor die Nase klatscht. Unter diesen Umständen wäre es vielleicht sogar besser gewesen, hätte man uns mit noch mehr glänzenden Lichtern zu blenden versucht; dann müsste man sich zumindest nicht über die hanebüchene Story ärgern.

Nun, sollte man sich TRON: Legacy anschauen? Wenn, dann nur wegen der Optik und des Sounds. Den Rest kann man getrost vergessen. Hätte Regisseur Joseph Kosinski noch ein bisschen mehr auf dicke Hose gemacht, wäre der Film allenfalls für Freunde des Actionkinos empfehlenswert gewesen. Aber so habe ich für diesen Streifen nicht mehr als ein Schulterzucken übrig.

4/10

Friday, 5 February 2016

Django Unchained (2012)


(Die nachfolgende Rezension enthält Spoiler.)

Unwiderstehliche Brachial-Unterhaltung mit Abnutzungserscheinungen

2009 starb der gesamte Führungsstab der Nazis. Im Kino. Genauer gesagt: in Inglourious Basterds. Mit völliger Missachtung historischer Fakten und kompromissloser Verehrung des Mediums Film beschwor Quentin Tarantino ein Parallel-Universum, das der jüdischen Rache zelebrierte: „Tod den Nazis! Sie haben es verdient, wer würde dem widersprechen wollen? Wenn es dazu noch coole Schusswechsel und stylishe Dialoge gibt, umso besser.“ Herausgekommen ist ein Guilty Pleasure, wie er im Buche steht. Tarantino spielte mit dem verklemmten Vorwurf, dass man so doch nicht an ein derart ernstes Thema heran gehen könne. Eindrucksvoll zeigte er: Doch, es funktioniert. Und wie!

Ob dieselbe Formel ein zweites Mal funktioniert, zeigt ein Blick auf Django Unchained. Tarantino verlagert das Geschehen auf seinen eigenen Kontinent, genauer in den Süden Amerikas der 1850er-Jahre. Der deutsche Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit den schwarzen Sklaven Django (Jamie Foxx) von seinen Ketten. Schultz nimmt Django unter seine Fittiche. Gemeinsam töten sie böse Menschen. Wobei „böse“ heisst, dass auf sie ein Kopfgeld ausgesetzt ist, ihre Leichen also dazu geeignet sind, beachtlichen Umsatz zu erzielen. Doch als Django kurz davor steht, seinen ersten Ganoven aus der Ferne zu erschiessen, zögert er. Was denn aus dem Kind des Verbrechers werde, will er wissen. Diese Bedenken watscht Schultz mit der Bemerkung ab, dass der Typ eben ein Gauner sei, der Menschenleben zu verantworten hat. Und: „BUMM!“ Das genügt, um Djangos Zeigefinger locker zu machen. Es zeigt uns ausserdem, auf was für einem argumentativen Niveau wir uns bewegen; nämlich auf einem simplen, mechanistischen.

Auge um Auge, Zahn um Zahn: Dieses Motto hat schon Inglourious Basterds beherrscht, insofern die Nazis entmenschlicht und zur Projektionsfläche von Rachephantasien werden. Hier schlüpfen in dieselbe Rolle US-amerikanische Sklaventreiber und Rassisten. Den Vorwurf einer gewissen Beliebigkeit muss sich Tarantino da schon gefallen lassen. Es wirkt so, als hätte er sich an das Rachemotiv festgekrallt und suche nun überall in der Geschichte nach legitimen Objekte dieser Rache. Die Thematik der Sklaverei scheint da eher zufällig; jedenfalls nicht so, als hätte Tarantino unbedingt ein moralisches Statement abgeben wollen. (Denn dass Sklaverei eine verdammte Schweinerei ist, dürfte schon vor Django Unchained hinreichend klar gewesen sein.)

Natürlich ist es verfehlt, Django anhand moralischer Kategorien messen zu wollen. Trotzdem hinterlässt es einen faden Nachgeschmack, wenn das Konzept des Vorgängerfilms – mitsamt seines provokativen Gestus – einfach in eine andere Form gegossen wird. Das ergibt wenig Neues, dafür viel Aufgewärmtes. Aber ergibt es einen schlechten Film? Keinesfalls! Tatsächlich ist Django Unchained eine überaus launige Sache, um nicht zu sagen: eine Riesengaudi. Tarantinos Dialoge sind elegant und pointiert wie eh und je. Ausserdem scheint der Action-Anteil wieder etwas zugenommen zu haben; zumindest das Shootout am Ende ist angenehm ausschweifend ausgefallen. Trotzdem kann sich Django Unchained nicht mit seinem Pendant zum Zweiten Weltkrieg messen.

Woran liegt das? Ein Problem ist, dass der Aspekt der persönlichen Rache unterwandert wurde. Zu Beginn des Films macht Django klar, dass er und seine Frau von den so genannten Brittle Brothers übel misshandelt worden sind. Relativ früh also werden diese drei Sadisten als Feinde installiert. Doch es dauert überhaupt nicht lange, bis Schultz und Django die drei Brüder ausfindig machen und problemlos eliminieren. Das ist holprige Dramaturgie, denn es lässt in der Mitte des Films einen leeren, unmotivierten Raum entstehen, in dem der Zuschauer ungeduldig darauf wartet, bis der neue Feind etabliert ist.

Dieser neue Feind ist Calvin J. Candie (Leonardo DiCaprio), auf dessen Plantage Candyland es unsere beiden Helden verschlägt. Das ist kein Zufall, denn in Candyland wird Djangos Frau Broomhilda (Kerry Washington) festgehalten. Hier zeigt sich ein weiteres Problem: Tarantino hat sich zu sehr auf Waltz’ Figur King Schultz fokussiert. Das Chargieren zwischen Schultz und Candie wird so gross gemacht, dass es Django – die eigentliche Hauptfigur – beinahe absorbiert. Als Schultz und Candie im ersten Showdown dann zeitgleich ins Gras beissen, entsteht wiederum ein dramaturgisches Vakuum. Plötzlich heisst es Django gegen Stephen (Samuel L. Jackson), Candies Lieblingssklaven. Hier scheint Django eher gegen ein Abstraktum – nämlich den schwarzen Rassisten – anzutreten, als gegen eine wirkliche Figur. Auch die Lakaien sind nicht viel mehr als Schiessbudenfiguren, was den zweiten Showdown im Vergleich mit dem ersten inhaltsleer erscheinen lässt.

Erschwerend hinzu kommt, dass Tarantino nur eine einzige Geschichte erzählt, was mit der Zeit ermüdet. Bei Inglourious Basterds gab es immerhin noch mehrere Handlungsstränge, wenn auch längst nicht so verschachtelt wie etwa in Pulp Fiction. Hier aber wird schnörkellos ein Plot durchgezogen, und auch die Vor- und Nachgriffe halten sich in Grenzen. Der Film drückt uns ohne Kompromisse einen einzigen Rachefeldzug aufs Auge. Auch bei Kill Bill war das so, aber es wurde abwechslungsreicher inszeniert, und die Akteure zeigten sich wesentlich plastischer.

Nun, was ist denn mit den Figuren in Django? Christoph Waltz als Dr. King Schultz ist vor allem eines: eloquent. Hier spielt ihm Tarantinos Drehbuch in die Hände, wo es nur kann. Wie schon erörtert, ist diese Ausbeutung des Waltzschen Charismas etwas ungeschickt, da Schultz dadurch den Film völlig an sich reisst. Leonardo DiCaprio findet als Candie eine treffende Balance zwischen Bösartigkeit und Noblesse, setzt sich aber erst gegen Ende so richtig in Szene – das aber mit einiger Durchschlagskraft! Samuel L. Jackson humpelt als alter Sklave Stephen durchs Bild. Seine Performance ist grimmig und stellenweise beunruhigend. Gegen diese drei Charakterköpfe kommen Jamie Foxx und Kerry Washington schlicht und ergreifend nicht an – was ich eher dem Drehbuch, als den Schauspielern ankreide. Die beiden kommen fast nie zum Zuge. Das führt unweigerlich dazu, dass ihr Pärchen fade rüberkommt.

Trotz alledem ist nicht zu bestreiten, dass Django Unchained unwiderstehliche Brachial-Unterhaltung liefert. Die Musikwahl, die Bilder, die Dialoge, die Action: Das ist alles vom Feinsten. Am Schluss bleibt dann aber doch zu hoffen, dass Tarantino dieses Konzept der alternativen, pseudo-moralischen Geschichtsschreibung nicht zu Tode reitet.

7/10