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Wednesday, 26 April 2017

Ghost in the Shell (2017)

Gefühl statt Philosophie: Wie man ein richtig gutes Remake dreht

Wer ist Mira Killian? Manche nennen sie eine Maschine; andere nennen sie eine Waffe. Fast wäre Mira bei einem schweren Unfall ums Leben gekommen. Doch die Firma Hanka Robotics birgt ihr Gehirn und pflanzt es in eine synthetische Hülle. Nun arbeitet die Frau mit Roboter-Körper für die japanische Regierung und bekämpft den Cyber-Terrorismus. Als ein mysteriöser Hacker namens Kuze auf der Bildfläche auftaucht, deckt Mira nach und nach ihre wirkliche Vergangenheit auf. Ist sie tatsächlich das, was sie glaubt? Sind ihre Erinnerungsfetzen real, oder pure Illusion? Ist sie letztlich eine blosse Maschinen-Marionette? Immer tiefer dringt Mira in ein gefährliches Gespinst von Intrigen und doppelten Böden …

Nun ist es also da, das amerikanische Remake des Anime-Klassikers Ghost in the Shell  (1995)Naturgemäss wetzten die Fans des Originals ihre Krallen, um diesen Film in Stücke zu reissen. Und natürlich: Wer die Vorlage als Heiligen Gral betrachtet, braucht sich die Realverfilmung gar nicht ernst anzuschauen. Mamoru Oshiis Anime ist philosophisch, abstrakt und kunstvoll, fast artifiziell. Das alles ist Rupert Sanders’ Neuauflage nicht. Sie hat einen spürbar anderen Fokus. Aber muss das schlecht sein? Nein, muss es nicht. Überraschenderweise ist es sogar richtig, richtig gut. Tatsächlich hat Sanders hier ein mustergültiges Remake abgeliefert: Er gewinnt dem Setting eine frische, spannende Perspektive ab. Dieser neue Film kann auf eigenen Beinen stehen, ist aber auch eine respektvolle Verbeugung vor dem Original. Man merkt, dass sich das Team um Ghost in the Shell 2017 grosse Mühe gegeben hat, etwas Ordentliches abzuliefern.

Ghost in the Shell erzählt eine einfachere und direktere Geschichte, als sein Vorgänger. Das ist ärgerlich dann, wenn uns das Drehbuch mit Weisheiten aus dem Glückskeks quält. Wohltuend ist es insofern, als es uns die diffusen und bisweilen prätentiösen Andeutungen des Original erspart. Major Mira (gespielt von Scarlett Johansson) tritt uns hier wesentlich persönlicher entgegen, als die Major im Original. Zu Beginn spielt Johansson ihre Rolle betont hölzern, um mit fortschreitendem Plot immer menschlicher und gefühlvoller zu werden. Überhaupt ist Johansson der Angelpunkt dieses Streifens: Ihre Präsenz ist umwerfend, sie ist ein echter Action-Star. Der Vorwurf, dass die Japanerin Major mit der Besetzung Johanssons „weissgewaschen“ wurde, ist indes doppelter Unsinn. Erstens rockt Scarlett in ihrer Rolle gehörig die Bude (unabhängig davon, ob sie weiss, dunkelgrün oder rosa gepunktet ist), und zweitens wird das angebliche Whitewashing elegant in der Geschichte integriert.

Sanders beginnt den Film mit einer Hochglanz-Optik, die zunächst skeptisch stimmt; war doch das Original vorwiegend geprägt durch eine industrielle, dreckige Atmosphäre. Aber diese kommt mit fortschreitender Laufzeit immer stärker zum Tragen. Viele ikonische Szenen aus dem Anime werden in den Realfilm übertragen. Das misslingt manchmal – etwa bei den Opening Credits, die bei Oshii ästhetisch unerreichbar sind und bleiben. Aber meistens sind sie durchweg gelungener Fanservice. Visuell ist Sanders zuweilen überraschend kunstvoll. Es gibt einige Szenen, die durchaus originell sind: Zum Beispiel, wenn Miras Wut allein durch die schwarze Silhouette Johanssons ausgedrückt wird. Oder wenn sich tausende Kabel zu einem bedrohlichen Gewirr verweben. Die brillanten Bilder rauben einem nicht selten den Atem. Sanders ist noch kein Künstler wie Oshii, aber er ist auf gutem Wege.

Jedenfalls versteht er es, sein Publikum zu fesseln, ohne trivial zu werden. Das liegt vor allem an der Verschiebung vom Philosophischen zum Emotionalen. Während sich Oshii in abstrakten und offenen Fragen verliert, interessiert sich Sanders für das konkrete Schicksal Miras. Und man muss einräumen, dass diese Perspektive im Original tatsächlich zu kurz kommt. Dort ist Major eine leere Hülle, die sich zuletzt geradezu auflöst. Sanders vollzieht hier beinahe die umgekehrte Bewegung: von der leeren Hülle zum Menschlich-Allzumenschlichen. Hier hat man also einen Schwerpunkt gesetzt, der dem Stoff einen erfrischenden Twist gibt und das Universum von Ghost in the Shell um interessante Facetten erweitert.

Auch die kurzen Action-Szenen sind nicht von schlechten Eltern. Eye-Candy, wohin das Auge reicht! Wer sich darüber beklagt, durch diesen gefälligen Stil sei die „Substanz“ des Originals verloren gegangen, der muss daran erinnert werden, dass auch Oshii zu stilistischer Grosssprecherei neigt – und dass Ghost in the Shell 2017 sehr wohl Substanz aufweist, wenn auch eine andere. Wahr ist, dass die Geschichte etwas simpel ausgefallen ist. Störend ist zum Beispiel der platte Bösewicht. Allerdings ist Miras Suche nach ihrer Identität wahrhaft packend. Es ist fast wohltuend, dass man sich nicht allzu lange mit tief schürfenden Fragen aufhält und bald zur Sache kommt. Das zeigt, dass man sich über den Fokus und die Stärken des Filmes im Klaren ist – und wohlweislich auf ein psudo-intellektuelles Vollzitat verzichtet. Manchmal sind es eben auch die kleinen Freuden, die einen Kinobesuch ausmachen: Welcher Freund des japanischen Filmes muss nicht grinsen, wenn Takeshi „Beat“ Kitano als Aramaki ein waschechter Badass sein darf?

Rupert Sanders’ Ghost in the Shell ist eine grosse Überraschung; eine würdige, wenn auch etwas zu glatt polierte Neuverfilmung des Sci-Fi-Animes. Die Optik ist edel, Scarlett Johansson endcool, die Action ordentlich und die Story grundsolide. Wer diesen Film unvoreingenommen betrachtet, wird auf gutem Niveau unterhalten. Der Film ist kein Meilenstein. Allerdings zeigt uns Sanders, wie man ein verdammt gutes Remake dreht.

8/10

Sunday, 4 September 2016

Polder (2015)

Erste Gehversuche im filmischen Schlafwandeln

Marcus (Christoph Bach) ist ein Nerd: Er liest schmuddelige Comics aus Japan und gehört zu den begabtesten Programmierern auf diesem Planeten. Eines Tages erfindet er das so genannte „Rote Buch“, das die Geschichte der Menschheit für immer verändern sollte. Dieses Buch lässt die Grenze zwischen Phantasie und Realität verschwimmen. Die Menschen können sich in eine Parallelwelt einloggen und dort an einem „Game“ teilnehmen. Sie sind die Hauptfiguren in ihrem eigenen Film; alle anderen sind nurmehr seelenlose Statisten. Marcus erkennt früh, dass seine Erfindung brandgefährlich ist. Doch die skrupellose Firma NEUROO-X will davon nichts wissen. Sie räumt Marcus kurzerhand aus dem Weg. Dann setzt sie alle Hebel in Gang, das Rote Buch grossflächig zu vermarkten. Die Welt steht kurz davor, sich in eine irreale Hölle zu verwandeln. Nur eine Frau kann dieses Schicksal noch abwenden: Es ist Marcus’ Ehefrau Ryuko (Nina Fog). Sie macht sich auf, die unmenschlichen Machenschaften der NEUROO-X aufzudecken – und riskiert dabei nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihres Sohnes Walterli (Pascal Roelofse).

Julian Grünthals und Samuel Schwarz’ Polder ist zunächst ein multimediales Experiment. Der Zuschauer wird dazu eingeladen, eine Polder-App herunterladen. Mit ihr kann er durch die Räume des Kinos schreiten, während eine Stimme ihm allerlei einflüstert. Vor, während und nach der Vorführung bewegen sich ausserdem Statisten durch das Kino. Die Idee dahinter ist, den Kinobesuch zu fiktionalisieren; als wäre er nur ein erträumtes Ereignis; als wären die Zuschauer selbst bereits ein Teil des „Games“. Ist das eine nette Idee, die das Kino wieder zu einem Erlebnis macht? Oder ist es ein unnötiges Gimmick? Beide Einschätzungen haben ihre Berechtigung.

Wie steht es nun mit dem eigentlichen Werk? Die Stimme aus der App behauptet, der nachfolgende Film wäre „hochintelligent“ und teilweise „unverständlich“. Aber wir müssten nicht alles verstehen; wir seien ja doch nur Menschen. Prompt machte ich mich auf einen verkopften Arthouse-Movie gefasst; aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der Plot von Polder ist eigentlich problemlos nachvollziehbar: Er erzählt von einer Frau, die gegen eine böse Firma kämpft. That’s it. Ach nein, doch nicht ganz: Denn nebenbei werden etliche Wirklichkeitsebenen heraufbeschworen. „Ein Traum im Traum im Traum.“ Oder: „Ein Film im Film im Film.“ Das scheint das Motto von Polder zu sein. Diese Verschachtelung funktioniert zu Beginn noch ganz gut. Gegen Ende fühlt man sich bisweilen allerdings etwas veräppelt, da sich die Ebenen bis ins Unendliche zu erweitern scheinen. Jedoch wird auch deutlich, dass sich der Film nicht immer ganz ernst nimmt. So kann Polder fast als Parodie auf Christopher Nolans pseudo-intellektuelles Traum-Babuschka Inception gelesen werden.

Manche Stellen versprühen echte Trash-Funken: Etwa dann, wenn eine Karikatur von Friedrich Nietzsche wie ein Arnold Schwarzenegger um sich ballert. Die Action ist zuweilen in bester Videospiel-Optik gehalten. Einige Szenen scheinen dem feuchten Traum eines Manga-Lesers entnommen; Cosplay und Yuri gehen hier Hand in Hand. Und wenn’s gruselig wird, denkt man schnell an japanische Horrorfilme à la Hideo Nakatas Ringu. Grünthal und Schwarz haben ein buntes Kabinett aus der Nerd-Kultur zusammen gestellt. Zu ihm gesellen sich Querverweise auf kitschige Schweizer Kinderfiguren: Walterli und Heidi.

Ein ziemliches Mischmasch an Zitaten also, ein buntes Chaos an Bildern. Da wundert man sich, ob das funktionieren kann. Es kann; asiatische Regisseure wie Tetsuya Nakashima (Memories of Matsuko), Katsuhito Ishii (The Taste of Tea) und Park Chan-wook (I’m A Cyborg, But That’s OK) haben es vorgemacht. Nun versuchen der Deutsche Grünthal und der Schweizer Schwarz nachzuziehen. Aber: Gelingt es ihnen auch? Tatsächlich, es gelingt. Teilweise; nämlich dann, wenn der Ernst der Albernheit weicht. Was die oben genannte Filme so anziehend macht, ist ihr Talent, das Arthouse mit ausgeklügelten Blödeleien zu untergraben. Ja, was sie zeigen, ist schräg. Aber dahinter muss keine tiefere Bedeutung stecken; es kann einfach nur Spass machen. Grünthal und Schwarz fehlt diese kindliche Leichtfüssigkeit. Die ironische Distanz zum Gezeigten ist noch nicht absolut. Immer noch geht es um „den Menschen“. Immer noch geht es um die Frage, was „wirklich“, was „erträumt“ ist. Begriffe über Begriffe! Wie öde.

Dieser Film denkt noch zu viel. Er kann noch nicht schlafwandeln. Dennoch: Der erste Gehversuch ist respektabel. Solche Filme tun der deutschsprachigen Filmszene gut. Sie sind keine Meisterwerke. Aber sie üben sich in der Kunst, albern zu sein. Polder verliert sich in seinen unzähligen Ebenen. Er ist ein missglücktes Experiment. Aber auch mit missglückte Experimente können Spass machen. Und Kult werden. Dieser Film hat das Potential dazu.

7/10

Thursday, 18 February 2016

Ghost in the Shell (1995)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Kunstvoller Science-Fiction-Film, der tief in philosophische Fragen eintaucht

2029. Unter dem Codenamen „Puppet Master“ begeht ein meisterhafter Hacker auf dem ganzen Globus Cyber-Verbrechen. Als er in Japan aktiv wird, zieht er die Aufmerksamkeit der Sektion 9 auf sich; einer Abteilung der Regierung, die für die öffentliche Sicherheit zuständig ist. Die Cyborg-Agentin Motoko Kusanagi aus Sektion 9 macht sich auf, den mysteriösen Hacker zu fassen. Motoko merkt schnell, dass auf den Spuren des Puppet Masters einige Geheimnisse verborgen liegen – nichts zuletzt Geheimnisse über sie selbst …

Es ist hinreichend bekannt, dass Mamoru Oshiis Ghost in the Shell (jap. Kōkaku Kidōtai Gōsuto In Za Sheru) als Inspirationsquelle für den einflussreichen aber letztlich mittelmässigen Spielfilm The Matrix (1999) der Wachowski-Geschwister diente. Was die ästhetische Ambition und die inhaltliche Komplexität betrifft, gehört der vorliegende Zeichentrickfilm allerdings eher in die Liga von Ridley Scotts Blade Runner (1982) – vielleicht übertrifft er ihn sogar. Ghost in the Shell berührt viele genuin philosophische Fragen: Was ist der Mensch? Was heisst es, zu leben? Wie kann in einem Körper eine Seele stecken? Was macht unsere Persönlichkeit in ihrem innersten Wesen aus? Ist die menschliche DNA vergleichbar mit einer Programmiersprache? Wie lassen sich Wirklichkeit und Illusion unterscheiden – wenn überhaupt? Wo sollten die Grenzen des Human Enhancements gezogen werden? Oshii vermeidet es, platte Antworten auf diese Fragen zu liefern. Genauer gesagt verzichtet er überhaupt auf Antworten. Vielmehr lädt er zu einer meditativen Reflexion über sie ein, wie er es schon zehn Jahre früher in seinem atemberaubenden Arthouse-Anime Angel's Egg (1985) getan hat.

Als ich Ghost in the Shell zum ersten Mal sah, störte mich dieser Ansatz; ich empfand ihn als intellektuelle Ausflucht, zumal mir einige Aussagen (etwa des Puppet Masters) philosophisch missfielen. Mittlerweile jedoch bewundere ich die Offenheit des Filmes; denn sie ist alles andere als ein billiger Taschenspielertrick. Mit jeder Sichtung werden neue thematische Nuancen und Verbindungslinien sichtbar. Grosse Kunst ist schweigsam; sie gibt ihre Geheimnisse nicht leichtfertig Preis. Und  ist Ghost in the Shell ist grosse Kunst, die sich mühelos mit dem populären Sic-Fi-Genre verbindet.

Der ungeheure Stilwille Oshiis zeigt sich schon in den Opening Credits. Sie stellen die Erschaffung eines Cyborgs dar und heben diesen Vorgang auf eine fast schon sakrale Ebene. Eine Szene des Intros ist stilistisch besonders bemerkenswert: Sie zeigt Motoko, wie sie vom Bett ihres Appartements aufsteht und sich für den Arbeitstag bereit macht. Die Kamera ist statisch auf das Fenster gerichtet, das in eine öde Skyline blickt. Um das Fenster herum ist alles schwarz. Dann erscheint auf dem Boden ein Lichtstreifen; Motoko, ausserhalb des Bildausschnitts, hat eine Tür geöffnet. Wenig später erscheint sie als Silhouette vor dem Fenster. Dann, unvermittelt, werden die Rollläden geschlossen. Absolute Dunkelheit. In nur wenigen Sekunden baut Oshii ein virtuoses Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten, abstrakten Formen und musikalischer Rhythmisierung auf.

Allerdings sind auch die Schauwerte von Ghost in the Shell nicht zu verachten. Die Action-Szenen inszenieren präzise jede Bewegung und jeden Schuss. Sie haben etwas Kontemplatives, was vor allem am Soundtrack liegt; Oshii unterlegt den lauten Kugelhagel mit einem nachdenklichen Musikteppich, was einen knackigen Kontrast ergibt. Besonders beeindruckend ist der Showdown zwischen Motoko und einem schwer bewaffneten Panzer-Roboter. Noch in einem ohrenbetäubenden Kugelgewitter gelingt es Oshii, philosophische Ideen in die Handlung zu weben, ohne dass es forciert wirkt. Ghost in the Shell schafft es, ohne Bombast denkwürdige Action zu liefern.

Am Ende des Filmes greift Oshii nach einer metaphysischen Ebene, wobei er sich religiöser Symbole bedient. Motoko, so scheint es, überschreitet die Grenzen des Menschlichen. Sie wird eins mit dem weltumspannenden, digitalen Netzwerk und erreicht so eine Art der Unsterblichkeit. „The net is vast and limitless“, sagt sie zum Schluss – ein Satz, der durchaus als Weisung des 21. Jahrhunderts gelesen werden kann. Das Internet ist längst zu einer Erweiterung unserer Persönlichkeit geworden; mehr denn je ist unser Geist mit anderen verlinkt. Dass Ghost in the Shell das Digitale nicht nur mit dem Biologischen, sondern auch mit dem Religiösen parallelisiert, ist äusserst interessant. Haben die Wachowski-Geschwister aus ihrer Hauptfigur Neo einen billigen Jesus-Verschnitt gemacht, sind Oshiis Überlegungen wesentlich scharfsinniger. Sie gemahnen an den Pantheismus und an den philosophischen Begriff des Absoluten.

Dass Oshii alle diese abstrakten und komplexen Themen schlüssig in einen spannenden Sci-Fi-Thriller von gerade Mal 80 Minuten Laufzeit einzuweben versteht, ist ein eigentliches Wunder. Stellenweise hat man den Eindruck, dass der Fragenkatalog arg breit gefächert ist, zumal die Antworten grösstenteils ausbleiben. Die Leerstellen, mit denen Oshii das Publikum zurücklässt, können seelenlos wirken – sie sind es aber nicht, wenn man dem Film die Aufmerksamkeit schenkt, die er verdient. So muss Ghost in the Shell nicht nur als Meilenstein des japanischen Zeichentrickfilms, sondern des Science-Fiction-Genres im Allgemeinen angesprochen werden.

10/10

Sunday, 7 February 2016

First Men in the Moon (1964)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Unschuldiges, liebenswürdiges Weltraum-Abenteuer

1899, Grossbritannien. Der tollpatschige Wissenschaftler Joseph Cavor (Lionel Jeffries) hat eine Substanz erfunden, die er bescheiden „Cavorit“ nennt. Gegenstände, die mit Cavorit in Berührung kommen, trotzen den Gesetzen der Schwerkraft. Als Dr. Cavors Nachbar Arnold Bedford (Edward Judd) von dieser Erfindung Wind bekommt, wittert er die Chance, sein klaffendes Schuldenloch zu stopfen. Kurzerhand beteiligt er sich an Cavors Forschungen. Was er noch nicht weiss: Der liebe Doktor hat im Sinne, mithilfe des Cavorits zum Mond zu fliegen. In der Nacht der Abreise landet durch ein Missgeschick auch Arnolds Verlobte Kate (Martha Hyer) im kugelförmigen Raumschiff. Ob dieses quirlige Dreiergespann für eine Mondreise gerüstet ist?

Nathan Jurans Spielfilm First Men in the Moon, der auf dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells basiert, ist eine sympathische Science-Fiction-Komödie. Die erste Hälfte des Filmes spielt irgendwo auf dem Lande in Grossbritannien. Hier kriegen sich Arnold und Kate aufgrund finanzieller Kleinigkeiten in die Haare, und Dr. Cavor tut das, was verrückte Wissenschaftler eben so tun: hyperaktiv vor hunderttausend Reagenzgläsern herumhüpfen. Lionel Jeffries (Chitty Chitty Bang Bang) spielt dermassen zappelig und übertrieben, Christopher Lloyd alias Doc Brown aus Back to the Future (1985) wäre stolz auf ihn. Dagegen spielt Edward Judd (The Day the Earth Caught Fire) einen gänzlich charakterlosen Helden, der vor allem in der zweiten Hälfte uninteressanter kaum sein könnte. Martha Hyer (Sabrina, Some Came Running) als treuherzig-naive Kate ist liebenswürdig und hübsch.

Nach einigen albernen Slapstik-Einlagen, durchaus pointierten Dialogen und einer Hausexplosion heisst es schliesslich: Auf zum Mond! Cavors Weltraumkapsel ist derart improvisiert, dass es fast schon suizidal anmutet. Eine Taucherausrüstung soll als Raumanzug dienen, und die Sitzgelegenheiten im Gefährt sind aus Seilen zusammengeflochten, die an der Decke befestigt sind. Darüber hinaus hielt es Kate für eine gute Idee, als Nahrungsmittel eine Schar lebendiger Hühner mitzunehmen. Das also waren die erste Erdlinge auf dem Mond: drei verrückte Briten …!

Mit der reichlich unsanften Mondlandung beginnt die zweite Hälfte des Filmes, die etwas ernsthafter daherkommt. Sie glänzt mit der Trickkunst des allseits geschätzten Ray Harryhausens und den ansehnlichen Kulissen, die eine überraschend einnehmende Atmosphäre schaffen. Schliesslich treffen die drei Erdlinge auf Aliens, die etwa so furchterregend sind wie Kinder in Ameisenkostümen. Oh, Verzeihung; wahrscheinlich sind diese Aliens sogar Kinder in Ameisenkostümen.

Alfred lässt lieber gleich die Fäuste sprechen, bevor er die Mondbewohner anhört. Demgegenüber ist Dr. Cavor bestrebt, mit den so genannten Seleniten zu kommunizieren. Hier tut sich ein moralischer Konflikt auf: Arnold stellt sich den Aliens feindselig gegenüber, und Dr. Cavor will auf sie zugehen, von ihnen lernen. Dieser Konflikt ist leider zu schlicht und forciert, als dass man ihn ganz ernst nehmen könnte. Vor einer Viertelstunde zeigte uns Juran noch eine Raumkapsel voller Hühner; und jetzt sollen wir über Krieg und Frieden philosophieren? Das ist zwar nett gemeint, aber: Nein, danke.

Die Schlusspointe des Filmes ruiniert denn auch jede Ernsthaftigkeit, die er hätte für sich beanspruchen können. Was für ein Unsinn! Aber wirklich böse kann man Juran und seiner Crew nicht sein. Denn unterm Strich ist First Men in the Moon recht unterhaltsam, sei es wegen den netten Harryhausen-Effekten oder dem charmanten Trash-Faktor.

6/10

Saturday, 6 February 2016

TRON: Legacy (2010)

Coole Lichtershow mit hanebüchenem Plot

Kevin Flynn (Jeff Bridges) ist seit Jahren unauffindbar. Sein Sohn Sam Flynn (Garrett Hedlund) müsste eigentlich die Verantwortung über die väterliche Firma ENCOM übernehmen, doch das interessiert ihn herzlich wenig. Einer mysteriösen Nachricht folgend, untersucht Sam den alten Arcade-Schuppen seines Vaters. Dort entdeckt er nicht nur Unmengen von Staub, sondern die Geheimtür in eine virtuelle Welt, die "The Grid" genannt wird. Hier werden gefährliche, aber immerhin coole Gladiatoren-Spielchen ausgefochten. Und irgendwo im Grid muss sich Kevin Flynn verstecken. Doch in diesem auf Hochglanz poliertem Neonnetz lauert auch ein grosses Übel, das danach trachtet, die wirkliche Welt zu annektieren …

Mit Steven Lisbergers TRON (1982) feierte Disney einen verfrühten Triumph der digitalen Spezialeffekte. Da ist es nur konsequent, dass die Fortsetzung TRON: Legacy ebenfalls der Computertechnik zelebriert – und alles, was nur ansatzweise wie eine brauchbare Story aussieht, links liegen lässt. Der dünne Plot des Originals ist noch eher entschuldbar, denn es hat die Zeit auf seiner Seite und kann mitunter als Dokument derselben betrachtet werden. Anders TRON: Legacy: Da muss schon mehr kommen, als eine nostalgische Aktualisierung der TRON-Ästhetik. Und genau das ist das Problem: Es kommt nicht mehr.

Wenigstens haut man uns am Anfang und am Ende des Films eine berauschende Lichtershow um die Ohren, begleitet von wuchtigen Tönen aus der Daft Punk-Schmiede. Das ist schon beeindruckend; aber was, wenn man sich daran satt gesehen und gehört hat? Dann merkt man, dass sich die Mitte des Films unerträglich zäh hin zieht. Der arme Jeff Bridges, der die Rolle von Kevin Flynn wieder aufnimmt und darüber hinaus das böse, böse Programm C.L.U. mimt, muss den Film während dieser Zeit fast ganz allein stemmen. Doch auch er kann nicht kaschieren, dass TRON: Legacy letztlich nichts zu sagen hat, dafür aber esoterisch herum schwadroniert und uns das tausendste Faschismus-Abziehbild vor die Nase klatscht. Unter diesen Umständen wäre es vielleicht sogar besser gewesen, hätte man uns mit noch mehr glänzenden Lichtern zu blenden versucht; dann müsste man sich zumindest nicht über die hanebüchene Story ärgern.

Nun, sollte man sich TRON: Legacy anschauen? Wenn, dann nur wegen der Optik und des Sounds. Den Rest kann man getrost vergessen. Hätte Regisseur Joseph Kosinski noch ein bisschen mehr auf dicke Hose gemacht, wäre der Film allenfalls für Freunde des Actionkinos empfehlenswert gewesen. Aber so habe ich für diesen Streifen nicht mehr als ein Schulterzucken übrig.

4/10