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Saturday, 4 March 2017

Ma Vie de Courgette (2016)


Über die Kunst, eine neue Familie zu finden

Hier liebt dich niemand mehr“ – nach einem tragischen Unfall verliert der neunjährige Junge Courgette seine Mama und hat fortan keine Eltern mehr. Er landet in einem Heim, das Kinder mit tragischen Familiengeschichten aufnimmt. Zu Beginn ist er alles andere als begeistert, doch nach und nach freundet er sich mit seinen Altersgenossen an. Und wer weiss, vielleicht kann er trotz seines schlimmen Verlustes bald wieder Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben fassen?

Für ein Stop-Motion-Film ohne Altersbeschränkung beginnt Ma vie de Courgette von Claude Barras ausserordentlich düster: Das Drehbuch berührt Themen wie Drogenkonsum, häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch. Auch die Bildsprache wirkt zuweilen trostlos, fast gruselig. Etwa dann, wenn die Bewohner/innen des Heimes mit neidisch leerem Blick ein Kind mit hübscher Mutter taxieren. Die melancholisch schwebenden Rock-Klänge der Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger tun ihr Übriges.

Schritt für Schritt jedoch wird der Film heller und leichtherziger: Courgette findet in seinen Leidensgenossen Trost, fasst neuen Mut und verliebt sich (irgendwie) in den Neuzugang Camille. Nach dem traurigen, ungewohnten Einstieg bekommen wir eine typische Montage zum Alltag im Heim. In der Nacht philosophieren die Kinder über das Mysterium des Geschlechtsverkehrs; und das Publikum schmunzelt, fast erleichtert über die Auflockerung.

Die Szenerie von Ma vie de Courgette ist minimalistisch, aber pointiert. Die Farbpalette ist kräftig und abwechslungsreich, wie aus einem Malbuch. Das Figurendesign hat Ecken und Kanten, erinnern entfernt an Adam Elliots Mary and Max (2009). Barras hat hier einen charmanten Look kreiert, der die Figuren greif- und nachvollziehbar macht. Bewegungen und Mimik der Charaktere wurden glaubhaft umgesetzt.

Die grösste Schwäche des Filmes liegt definitiv im Plot. Nachdem uns die Geschichte mit der kargen Ausgangssituation ins kalte Wasser geworfen hat, bewegt sie sich nurmehr gemächlich vorwärts. Die Auseinandersetzung zwischen Camille und ihrer Tante, die sie aus dem Heim holen will, löst sich praktisch von selbst auf; wie auch die Probleme der Hauptfigur Courgette. Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Hier wünscht man sich, die Drehbuchautorin Céline Sciamma hätte die Konflikte noch näher beleuchtet; das Potential dazu wäre vorhanden gewesen. (Und es ist ja keineswegs so, als wäre der Film mit 66 Minuten Spielzeit überlang.) So ist die französisch-schweizerische Koproduktion eher ein skizzenhaftes Stimmungsbild, als eine Erzählung mit Höhen und Tiefen. Aber was für Bilder hier gezeigt werden! Sie sind schon beeindruckend in ihrer Symbolkraft: Vom Drachensteigen im Auto bis zur gespenstischen, nächtlichen Schneelandschaft.

Ma vie de Courgette hat praktisch keine Spannungskurve; er portraitiert ein Kind, das an einem unverhofften Ort Liebe und Familie findet. Revolutionär ist das nicht, und es wird stellenweise ungeschickt erzählt. Trotzdem: Wann immer ein Film auftaucht, der Kinder und ihre Probleme ernst nimmt, gehört das gewürdigt. Erst recht, wenn er mit künstlerischem Anspruch und französischem Charme auftritt.

7/10

Thursday, 18 February 2016

Ghost in the Shell (1995)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Kunstvoller Science-Fiction-Film, der tief in philosophische Fragen eintaucht

2029. Unter dem Codenamen „Puppet Master“ begeht ein meisterhafter Hacker auf dem ganzen Globus Cyber-Verbrechen. Als er in Japan aktiv wird, zieht er die Aufmerksamkeit der Sektion 9 auf sich; einer Abteilung der Regierung, die für die öffentliche Sicherheit zuständig ist. Die Cyborg-Agentin Motoko Kusanagi aus Sektion 9 macht sich auf, den mysteriösen Hacker zu fassen. Motoko merkt schnell, dass auf den Spuren des Puppet Masters einige Geheimnisse verborgen liegen – nichts zuletzt Geheimnisse über sie selbst …

Es ist hinreichend bekannt, dass Mamoru Oshiis Ghost in the Shell (jap. Kōkaku Kidōtai Gōsuto In Za Sheru) als Inspirationsquelle für den einflussreichen aber letztlich mittelmässigen Spielfilm The Matrix (1999) der Wachowski-Geschwister diente. Was die ästhetische Ambition und die inhaltliche Komplexität betrifft, gehört der vorliegende Zeichentrickfilm allerdings eher in die Liga von Ridley Scotts Blade Runner (1982) – vielleicht übertrifft er ihn sogar. Ghost in the Shell berührt viele genuin philosophische Fragen: Was ist der Mensch? Was heisst es, zu leben? Wie kann in einem Körper eine Seele stecken? Was macht unsere Persönlichkeit in ihrem innersten Wesen aus? Ist die menschliche DNA vergleichbar mit einer Programmiersprache? Wie lassen sich Wirklichkeit und Illusion unterscheiden – wenn überhaupt? Wo sollten die Grenzen des Human Enhancements gezogen werden? Oshii vermeidet es, platte Antworten auf diese Fragen zu liefern. Genauer gesagt verzichtet er überhaupt auf Antworten. Vielmehr lädt er zu einer meditativen Reflexion über sie ein, wie er es schon zehn Jahre früher in seinem atemberaubenden Arthouse-Anime Angel's Egg (1985) getan hat.

Als ich Ghost in the Shell zum ersten Mal sah, störte mich dieser Ansatz; ich empfand ihn als intellektuelle Ausflucht, zumal mir einige Aussagen (etwa des Puppet Masters) philosophisch missfielen. Mittlerweile jedoch bewundere ich die Offenheit des Filmes; denn sie ist alles andere als ein billiger Taschenspielertrick. Mit jeder Sichtung werden neue thematische Nuancen und Verbindungslinien sichtbar. Grosse Kunst ist schweigsam; sie gibt ihre Geheimnisse nicht leichtfertig Preis. Und  ist Ghost in the Shell ist grosse Kunst, die sich mühelos mit dem populären Sic-Fi-Genre verbindet.

Der ungeheure Stilwille Oshiis zeigt sich schon in den Opening Credits. Sie stellen die Erschaffung eines Cyborgs dar und heben diesen Vorgang auf eine fast schon sakrale Ebene. Eine Szene des Intros ist stilistisch besonders bemerkenswert: Sie zeigt Motoko, wie sie vom Bett ihres Appartements aufsteht und sich für den Arbeitstag bereit macht. Die Kamera ist statisch auf das Fenster gerichtet, das in eine öde Skyline blickt. Um das Fenster herum ist alles schwarz. Dann erscheint auf dem Boden ein Lichtstreifen; Motoko, ausserhalb des Bildausschnitts, hat eine Tür geöffnet. Wenig später erscheint sie als Silhouette vor dem Fenster. Dann, unvermittelt, werden die Rollläden geschlossen. Absolute Dunkelheit. In nur wenigen Sekunden baut Oshii ein virtuoses Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten, abstrakten Formen und musikalischer Rhythmisierung auf.

Allerdings sind auch die Schauwerte von Ghost in the Shell nicht zu verachten. Die Action-Szenen inszenieren präzise jede Bewegung und jeden Schuss. Sie haben etwas Kontemplatives, was vor allem am Soundtrack liegt; Oshii unterlegt den lauten Kugelhagel mit einem nachdenklichen Musikteppich, was einen knackigen Kontrast ergibt. Besonders beeindruckend ist der Showdown zwischen Motoko und einem schwer bewaffneten Panzer-Roboter. Noch in einem ohrenbetäubenden Kugelgewitter gelingt es Oshii, philosophische Ideen in die Handlung zu weben, ohne dass es forciert wirkt. Ghost in the Shell schafft es, ohne Bombast denkwürdige Action zu liefern.

Am Ende des Filmes greift Oshii nach einer metaphysischen Ebene, wobei er sich religiöser Symbole bedient. Motoko, so scheint es, überschreitet die Grenzen des Menschlichen. Sie wird eins mit dem weltumspannenden, digitalen Netzwerk und erreicht so eine Art der Unsterblichkeit. „The net is vast and limitless“, sagt sie zum Schluss – ein Satz, der durchaus als Weisung des 21. Jahrhunderts gelesen werden kann. Das Internet ist längst zu einer Erweiterung unserer Persönlichkeit geworden; mehr denn je ist unser Geist mit anderen verlinkt. Dass Ghost in the Shell das Digitale nicht nur mit dem Biologischen, sondern auch mit dem Religiösen parallelisiert, ist äusserst interessant. Haben die Wachowski-Geschwister aus ihrer Hauptfigur Neo einen billigen Jesus-Verschnitt gemacht, sind Oshiis Überlegungen wesentlich scharfsinniger. Sie gemahnen an den Pantheismus und an den philosophischen Begriff des Absoluten.

Dass Oshii alle diese abstrakten und komplexen Themen schlüssig in einen spannenden Sci-Fi-Thriller von gerade Mal 80 Minuten Laufzeit einzuweben versteht, ist ein eigentliches Wunder. Stellenweise hat man den Eindruck, dass der Fragenkatalog arg breit gefächert ist, zumal die Antworten grösstenteils ausbleiben. Die Leerstellen, mit denen Oshii das Publikum zurücklässt, können seelenlos wirken – sie sind es aber nicht, wenn man dem Film die Aufmerksamkeit schenkt, die er verdient. So muss Ghost in the Shell nicht nur als Meilenstein des japanischen Zeichentrickfilms, sondern des Science-Fiction-Genres im Allgemeinen angesprochen werden.

10/10

Wednesday, 17 February 2016

Mein Nachbar Totoro (1988)

Nostalgische Reise in die Wunderwelt der Kindheit

Die Schwestern Mai und Satsuki ziehen mit ihrem Vater in ein altes, verlottertes Haus auf dem Lande. Während sich ihre Mutter im örtlichen Krankenhaus von einer schweren Krankheit erholt, erforschen Mai und Statsuki den nahe gelegenen Wald. Dort entdecken sie eine wundersame Kreatur namens Totoro. Der flauschige, sanfte Riese steht den Schwestern in so mancher schwierigen Situation zur Seite. Er leistet ihnen Gesellschaft, als sie im Regen auf ihren Vater warten; er schenkt ihnen Nüsse und lässt sie zu einem prächtigen Baum gedeihen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Kinder nach der Rückkehr ihrer Mutter sehnen. Die wachsende Angst vor dem Tod ihrer Mutter bringt die kleine Mai letztlich selbst in Gefahr. Kann Totoro auch hier aushelfen?

Mein Nachbar Totoro (jap. Tonari no Totoro) ist ein früher Spielfilm des Anime-Meisters Hayao Miyazaki (Prinzessin Mononoke, Chihiros Reise ins Zauberland). Er wurde 1988 zusammen mit Isao Takahatas Die letzten Glühwürmchen in Doppelvorstellungen gezeigt. Beide Zeichentrickfilme drehen sich um ein junges Geschwisterpaar; während Takahatas schonungslos das Schicksal zweier japanischer Kinder im Zweiten Weltkrieg darstellt, entführt Miyazaki in eine märchenhafte Wunderwelt nach dem Krieg. Das Setting könnte unterschiedlicher nicht sein, doch eines ist beiden Filmen gemeinsam: ihre Übernahme der kindlichen Perspektive ist so kunstvoll wie lebensnah.

Mein Nachbar Totoro spielt in einer ländlichen Idylle, in der die Natur noch in Einklang mit der menschlichen Kultur existiert. Das Haus, das der Vater der beiden Schwestern jüngst gekauft hat, ist verwahrlost. Kleine Russmännchen haben sich in ihm eingenistet. Aufgescheucht von Mai und Satsuki, ziehen sie aus. Interessant ist, wie dieses phantastische Element in die alltägliche Szenerie eingewoben wird: Der Vater scheint keinen Augenblick daran zu zweifeln, dass seine Töchter Russmännchen gesehen haben. Ob er die Phantasie seiner Kinder fördern will, oder ob die wundersamen Kreaturen in dieser Filmwelt schlicht Realität sind, lässt Miyazaki offen. Die Erwachsenen kommen mit der Märchenwelt jedenfalls nicht in Berührung. Der Film spannt einen feinen Grat zwischen Realität und Traum. Miyazaki tänzelt so geschickt auf diesem Grat, dass es Kindern und Erwachsenen gleichermassen bezaubern dürfte.  

In vielen Belangen erinnert der vorliegende Film an Miyazakis späteres Meisterwerk Chihiros Reise ins Zauberland (2001), das mit einem Academy Award sowie den Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet worden ist. Einige Grundthemen in Joe Hisaishis Soundtrack kehren 2001 wieder, und auch die Russmännchen spielen erneut eine Nebenrolle. Es gibt allerdings einen bedeutenden Unterschied. Das Zauberland in Chihiro verwandelt die Hauptfigur in eine Erwachsene; es ist ein Übergangsstadium. Dagegen ist das Zauberland in Totoro von Nostalgie beseelt. Hier geht es nicht ums Erwachsenwerden, sondern ums Kindsein. Hier schlägt die Phantasie der Realität ein Schnippchen. Miyazaki erlaubt seinen Hauptfiguren das Träumen, das kleine Wunder vollbringt; und das Publikum träumt selig mit.

Technisch ist vor allem bemerkenswert, wie lebendig die Mädchen Mai und Satsuki gezeichnet wurden. Ihre Bewegungen wirken natürlich und glaubwürdig. Man merkt, dass in die Animation der beiden Hauptfiguren viel Sorgfalt und Liebe gesteckt wurde. Miyazakis unnachahmliches Gefühl für Atmosphäre darf ebenfalls nicht vergessen werden; wie ein Traumwandler scheint er intuitiv zu wissen, wann er einen Schritt zu weit, wann einen zu wenig geht. Beinahe ohne Erklärungen und scheinbar ohne Aufwand schafft Miyazaki ein schlüssiges Universum. Mein Nachbar Totoro lässt sich Zeit für friedliche, ereignislose Szenen, die unter einem ABC-Drehbuchautoren bestimmt dem Rotstift zum Opfer gefallen wären. Allein die Szene, in der Mai und Satsuki mit Totoro an der Bushaltestelle stehen, ist ein kleines Kunstwerk von unerklärlichem Charme.

Mein Nachbar Totoro ist eine nostalgische Reise in die Wunderwelt der Kindheit und ein friedvolles, herzerwärmendes Familienportrait. Nicht nur in den phantastischen, sondern auch in den alltäglichen Szenen beweist sich Hayao Miyazaki als kunstvoller Regisseur, von denen gerne auch Realfilmer etwas lernen dürfen. Was Miyazaki Œuvre betrifft, wird Mein Nachbar Totoro wird nur noch von Chihiros Reise ins Zauberland (2001) und Prinzessin Mononoke (1997) übertroffen.

9/10

Saturday, 6 February 2016

Die Reise nach Agartha (2011)

Intelligenter, überkonstruierter Miyazaki-Aufguss

Asuna ist einsam. Ihr Vater ist viel zu früh gestorben, und ihre Mutter arbeitet tagsüber im Krankenhaus. In der Schule hat sie nur wenige Freunde. Doch eines Tages trifft sie auf einen mysteriösen Jungen, in den sie sich augenblicklich verliebt. Was hat es mit ihm auf sich? Kommt er tatsächlich aus einer anderen Welt, tief unter der Erde, wie ihr neuer Lehrer Ryuji Morisaki glaubt? Die Ereignisse überschlagen sich, und plötzlich befindet sich Asuna zusammen mit Morisaki auf der Reise nach Agartha – Agartha, das phantastische Land, in dem noch Götter wohnen. Das Land, mit dessen Hilfe Morisaki seine verstorbene Geliebte ins Leben zurückholen will …

Der Regisseur und Literaturwissenschaftler Makoto Shinkai macht schon eingangs klar, dass seine Geschichte von einer klassischen Sage inspiriert ist, die überall und seit ewigen Zeiten erzählt worden ist, und die wir als Orpheus in der Unterwelt kennen. Es geht also um die Wiedererweckung einer geliebten Toten. Und noch von einer anderen Quelle bezieht Shinkai seine Inspiration. Die Reise nach Agartha ist nämlich ein offensichtlicher und pompöser Kniefall vor dem Meister des Anime höchstpersönlich: Hayao Miyazaki. Ist man erstmal auf dieser Fährte, bekommt man sie so schnell nicht wieder los. Dann sieht fast jedes Detail wie ein Miyazaki-Zitat aus. Hufspuren unsichtbarer Wesen, junger Mann auf Reittier, Schattenkreaturen mit glühenden Augen; das alles zum Beispiel schaut verdächtig nach Prinzessin Mononoke (1997) aus. Das Charakterdesign erinnert stark an die Handschrift Miyazakis. Sogar die Musik hat teilweise was von dessen Stammkomponisten Joe Hisaishi.

Ist man dadurch gezwungen, Shinkai an Miyazaki zu messen, zieht Ersterer klar den Kürzeren. Der Hauptunterschied zwischen den beiden besteht darin, dass Miyazaki ein wesentlich intuitiverer Regisseur ist. Er muss seine Geschichte nicht erst mit Thesen und Erklärungen rechtfertigen; doch genau das tut Shinkai hier. Das hat zur Folge, dass Die Reise nach Agartha zu konstruiert und nur wenig organisch daher kommt. Mit anderen Worten: Man weiss recht schnell, wie der Hase läuft. Das Wundersame, das den Miyazaki-Filmen eigen ist, stellt sich deswegen leider nie ein.

Andererseits kann man Shinkai nicht vorwerfen, sich keine Mühe zu geben. Denn tatsächlich ist sein Film alles andere als schlecht! Es macht Spass, den beiden Forschungsreisenden nach Agartha zu folgen. Die kurzen Action-Szenen sind ordentlich inszeniert, das Artdesign klasse und die Animation absolut edel, wenn auch zu hochglanzpoliert. Die Story ist schnell durchschaut, aber Shinkai packt genug kleine Twists in den Film, um den Zuschauer bei Stange zu halten. (Als eine Figur ohne Vorwarnung plötzlich den Arm abgerissen bekam, musste ich mich schon kurz wundern, ob ich meine Brille richtig geputzt habe.) In diesen Momenten schafft es Shinkai, sich von seinem Vorbild zu lösen und eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Aber die Summierung solcher Momente ergibt noch kein rundes Ganzes. Abstriche machen muss man auch bei der Hauptfigur Asuna. Zugegeben, sie ist süss und nett und mutig, aber sie ist eben nur süss und nett und mutig. An alle Anime-Regisseure dieser Welt: Solche Mädchen gibt es nicht! Es – gibt – sie – nicht! Asuna hat zu wenig Kanten, als dass sie eine gute Hauptfigur abgibt; noch dazu ist ihre Storyrelevanz marginal. Das spielt Morisaki eine wesentlich wichtigere und spannendere Rolle.

Ich hatte während des Films ständig das Gefühl, Shinkai versuche die Essenz Miyazakis zu fassen, verfehle sie aber immer ganz, ganz knapp. Das ist, wie einem Stürmer dabei zu zusehen, wie er zehnmal aufs Tor schiesst, aber jedes verdammte Mal nur den Pfosten trifft. Einerseits wünscht man sich, ihm möge doch endlich ein Treffer gelingen. Andererseits weiss man: „Irgendwas macht der falsch.“ So ist es auch hier: Shinkai engagiert sich redlich, aber er kriegt’s einfach nicht ganz hin. Zu fragen wäre natürlich, ob es die richtige Taktik ist, derart unverblümt Miyazaki zu folgen. So wirkt der Film, als hätte er Bruchstücke aus einer fremden Filmographie zusammen gekratzt und zu einem hübschen Patchwork verdichtet. Aber das Motto des Regisseurs scheint gewesen zu sein: Lieber passabel kopiert und kombiniert, als schlecht selbst erfunden. Unterm Strich ist die Taktik ganz gut aufgegangen.

7/10

Brave Story (2006)

Ungeschicktes Mischmasch aus Fantasy-Abenteuer und Familiendrama

Watarus Leben macht eine prompte Kehrtwende in die Katastrophe: Sein Vater will die Familie verlassen, woraufhin seine Mutter sich verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert wird. Um das düstere Schicksal abzuwenden, reist Wataru in eine Paralleldimension. Dort soll es eine Göttin geben, die ihm jeden Wunsch erfüllen kann. Doch zuerst muss er sich als würdig erweisen und allerlei Queste erfüllen. Auch Watarus Schulkamerad Mitsuru will einen Wunsch erfüllt haben – und zögert nicht lange, dafür über Leichen zu gehen. Die beiden Freunde werden nach und nach zu Rivalen.

Es scheint, als hätte Brave Story sich zu viel vorgenommen. Man wollte unbedingt eine möglichst epische Welt erschaffen, die offensichtlich an Fantasy-Rollenspiele erinnert. Graphisch sieht das alles zwar nett aus, aber die gezeichnete Welt wird nicht mit Leben gefüllt. Nie weiss man, wo man sich aufhält und mit welchem Volk man es zu tun hat. Folglich fehlt ein triftiger Grund zum Mitfiebern.

Man hetzt von einem Szenario ins nächste. Kaum hat man die Kulisse bestaunt, ist man bereits bei einer anderen. Zurück bleibt nichts Halbes und nichts Ganzes: Weder ein befriedigendes Fantasy-Abenteuer, noch ein mitreissendes Familiendrama. Die Schicksale von Wataru und Mitsuru werden nie richtig ausgearbeitet. Als wollten die Filmemacher möglichst schnell den schnöden Alltag verlassen und ins Phantasie-Reich ziehen.

In seinem Kern hat Brave Story eine sinnige, wenn auch abgenutzte Botschaft, die da lautet: Man kann sich nicht einfach wünschen, was immer man will, ohne mit entsprechenden Konsequenzen rechnen zu müssen. Nichts im Leben ist umsonst. Damit stellt der Film eine durchaus interessante moralische Frage, die sich in der Rivalität zwischen Wataru und Mitsuru spiegelt. Leider wird dieser Konflikt nicht mit dem nötigen Inhalt unterfüttert; er bleibt hohl.

Der Film vergaloppiert sich in seiner eigenen, phantastischen Welt und verliert das Wesentliche aus den Augen. So bleibt Brave Story letztlich nicht mehr als eine Skizze. Eine schicke und gut gemeinte Skizze, die leider nicht einlösen kann, was sie verspricht. Trotz dieser Mängel dürften sich jüngere Semester gut unterhalten fühlen. Aus den genannten Gründen kann ich allerdings keine klare Empfehlung aussprechen.

5/10

Das Mädchen mit dem Zauberhaar (2009)

(Die nachfolgende Rezension enthält Spoiler.)

Zauberhafter, tröstlicher Kinderfilm über den Umgang mit dem Tod

Choko ist ein kühles Mädchen, das selten lächelt. In der Grossstadt Tokyo aufgewachsen, zieht sie nun zusammen mit ihrem Vater in die Provinz. In der örtlichen Schule gibt sie sich vornehm und distanziert, was ihre Mitschüler spöttisch stimmt. Doch ein Mädchen öffnet sich Choko. Es ist die verträumte Shinko. Shinko hat einen unsichtbaren Freund, der sie ständig begleitet, geschickt übers Wasser hüpfend. Ausserdem pulsiert in ihrem Kopf die Vision einer Stadt von vor hundert Jahren; die soll nämlich genau hier gestanden haben, wo jetzt endlose Felder in der Sonne wiegen. Mit ihrer Phantasie und Freundschaft will sie Choko das Lachen zurück geben. Um die beiden Mädchen bildet sich bald eine kleine Rasselbande, die allerlei Abenteuer erlebt. Kann Choko ihre Lebensfreude wiedergewinnen? Wird sie über das geschehene Unglück, den Tod ihrer Mutter, hinwegkommen?

Stilistisch und inhaltlich ähnelt Das Mädchen mit dem Zauberhaar (jap. Originaltitel Maimai Shinko to sennen no mahô) der Handschrift Hayao Miyazakis. Insbesondere zu Mein Nachbar Totoro gibt es einige Ähnlichkeiten. Allerdings ist der vorliegende Film kein billiger Abklatsch, sondern ein Werk, das auf eigenen Beinen stehen kann. Tatsächlich hat Regisseur Sunao Katabuchi einen überaus sehenswerten Anime geschaffen. Das Mädchen mit dem Zauberhaar hat Phantasie, Herz und die nötige Ernsthaftigkeit. Denn ein guter Kinderfilm nimmt seine Zuschauerinnen und Zuschauer ernst. Er beschäftigt sich mit manifesten Problemen und versucht nicht einfach, die Kinder in einer Phantasiewelt einzulullen.

Das ist Miyazakis Stärke: Seine Anime sind immer in realen Problematiken fundiert. Katabuchi nimmt diese Philosophie auf. Oder, besser: Er nähert sich ihr von der umgekehrten Seite. Der Film beginnt sonnig und leichtfüssig, doch bald schon ziehen Schatten auf. Grossartig die Szene, in der Choko, Shinko und ihre kleine Schwester aus Unwissenheit Schokoladenlikör verzehren. Plötzlich ruft Choko im Rausch: „Meine Mutter ist tot! Meine Mutter ist tot!“ Dabei lacht sie, die beiden anderen stimmen mit ein. Eine so düstere und tragikomische Wendung hätte ich nicht im Traum erwartet. Und doch kam sie, unversehens und völlig unverkitscht. Davon könnten sich auch Dramen für Erwachsene eine Scheibe abschneiden.

Mit den Standards von Studio Ghibli kann die Animation nicht ganz mithalten. Die Menschen sind etwas „härter“ gezeichnet, gehen nicht flüssig in die Hintergründe über. Gleichwohl ist der Zeichenstil des Animes sehr hübsch. Die Designs der Charaktere sind putzig und liebenswert. Ausserdem wurde offenbar viel Wert auf die Bewegungen und Gesichtsausdrücke der Hauptfiguren gelegt. Diese kommen nämlich authentisch und lebensnah herüber. Nein, an der Animation gibt es absolut nichts auszusetzen. Der Soundtrack ist etwas repetitiv, greift immer mal wieder ein schrulliges A-Capella-Stück auf. Abgesehen davon ist mir die Musik nicht unbedingt aufgefallen. Weder negativ, noch positiv.

Das Mädchen mit dem Zauberhaar zeichnet selbstständige und dreidimensionale Figuren. Diese Kinder ziehen sich nicht kampflos zurück, versinken nicht im Selbstmitleid, sondern versuchen, der Welt etwas Gutes abzugewinnen – auch, wenn immer evidenter wird, dass sie eben nicht nur schön ist. Gegen Ende des Filmes begeht der Vater eines der Kinder Suizid. Das Ereignis wird sogar mit Prostitution in Verbindung gebracht. Daraufhin besuchen Shinko und der Sohn des Verstorbenen das Rotlichtmilieu, um die Ehre des Letzteren wiederherzustellen. Spätestens hier dürfte klar werden, dass der Film Themen behandelt, die nicht für alle Kinder verständlich oder geeignet sind. Mir persönlich hat dieser Abstecher in zwielichtigere Gefilde eigentlich gefallen. Denn er stellt erneut den Willen unter Beweis, die jungen Zuschauer für voll zu nehmen.

Unter einem anderen Gesichtspunkt ist die Episode mit dem „blonden Gift“ allerdings problematisch. Denn sie scheint mir nicht organisch zum Rest des Filmes zu passen. In ihm sollte es doch primär um die Beziehung zwischen Shinko und Choko gehen. Die wird auch wunderbar ausgearbeitet. Nur droht dieser rote Faden gegen Ende hin auszufransen. Plötzlich gibt es noch ein ganz anderes Problem, auf das man sich als Publikum erst einstellen muss. Die Wendung ist einerseits interessant, andererseits lenkt sie vom Wesentlichen ab. Zuletzt kriegt der Film zwar noch die Kurve, aber dramaturgisch ist da trotzdem was schief.

Nun, was ist eigentlich das Hauptmotiv von Das Mädchen mit dem Zauberhaar? Dieses: Shinko und Choko erfahren, dass in der Stadt von vor tausend Jahren ein Mädchen gehaust hat, das so alt war wie sie. In Shinkos Phantasie – und mithilfe ihres Zauberhaars, des „Mai Mais“ – wird aus dem Mädchen ein einsames. Es ist in einem grossen Haus eingesperrt und wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Freundin. So spielen sich parallel zwei Geschichten auf zwei verschiedenen Zeitebenen ab. Die Storyline in der Vergangenheit ist nicht ganz so überzeugend wie diejenige in der Gegenwart. Ihr wird zu wenig Zeit eingeräumt. Die Figuren wirken skizzenhaft bis archetypisch. Es geht eben um eine eingepferchte Prinzessin. Die Intention der zweiten Zeitebene ist relativ klar: Sie soll die Geschehnisse der Gegenwart spiegeln. Offensichtlich wird das, wenn Choko am Ende in die Rolle der Prinzessin schlüpft. Aber irgendwie geht das nicht ganz auf. Es ist wie der Deckel auf einen falschen Topf.

Visuell ist die Geschichte der Prinzessin entzückend; es gibt einige wirklich hübsche Szenen mit Blumen und Blüten. Aber der Plot fällt trotzdem auf die Nase. Er transportiert zu wenig Emotion. Meine Vermutung ist, dass man eine „magische“ Komponente in den Film einbauen wollte. Bei Mein Nachbar Totoro geschehen auch phantastische Dinge, die einen zum Staunen bringen. Aber bei Totoro sind diese Stellen unverzichtbare Bestandteile des Films. Bei Das Mädchen mit dem Zauberhaar wirken die Ausflüge in die Vergangenheit fast wie Fremdkörper. Ich schreibe „fast“, weil es eben doch nett ist, hübsch und gut gemeint. Aber gemessen mit Miyazaki geht diesem Streifen schon ein bisschen die behauptete Magie des Zauberhaars ab.

Dieser Kritikpunkt geht einher mit der grössten Stärke des Films: der Porträtierung von glaub- und liebenswürdigen Kinderfiguren. Es macht wirklich Spass, den Charakteren bei ihren Abenteuern beizuwohnen. (Auch, wenn sie sich nur in einer Höhle vor den Augen einer Katze erschrecken.) Besonders schön ist die Geschichte um den Goldfisch. Hieraus, und nicht aus der zweiten Zeitebene, bezieht der Film seine wahre Magie. Die Kinder legen einen kleinen See an, in dem sie einen Goldfisch entdecken. Gemeinsam behüten sie ihn. Zuletzt verzieren sie den See mit allerlei ansehnlichen Sachen, um dem Goldfisch eine angenehme Umgebung zu schaffen. Diese Art von Zauber, nämlich ein alltäglicher, wäre mir mehr als genug gewesen. Da hätte nicht noch eine weitere Zeitebene eingeschaltet werden müssen.

Der Stausee wird zum Secret Garden der Kinder – jedoch einer, der nicht gefeit ist vor Unheil. Von Verklärung keine Spur. Choko hat ihre Mutter verloren. Über diese Tatsache versucht der Film nicht mit oberflächlichem Firlefanz hinweg zu trösten. Sondern er sagt: Ja, das ist schlimm. Sehr schlimm sogar. Das macht kein Goldfischteich der Welt je vergessen. Und doch: Die Welt hat etwas Schönes. Trotz allem. Es ist nicht einfach, nach vorne zu sehen und dieses Schöne wahrzunehmen. Aber versuche es, so gut es dir möglich ist. Das ist eine reife, erwachsene Botschaft für Kinder.

Kurz und gut: Das Mädchen mit dem Zauberhaar weist dramaturgische Schlaglöcher auf, setzt die Schwerpunkte manchmal an den falschen Stellen, hat aber das Herz am rechten Fleck. Katabuchis Anime ist ein ernst zu nehmendes Drama mit einem guten Schuss Phantasie. Meiner Meinung nach ist man mit dem phantastischen Aspekt etwas unbeholfen umgegangen, aber das trübt den Gesamteindruck nur bedingt. Ein echt gelungener Zeichentrickfilm, der wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdiente.

8/10