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Wednesday, 17 May 2017

Die Göttliche Ordnung (2017)

Emanzipation à la Suisse: wohlgefällig und verschmitzt?

1971, in einem Schweizer Dörfchen: Nora (Marie Leuenberger) ist eine fleissige Hausfrau, die alles für ihren Mann Hans (Maximilian Simonischek) erledigt. Als Hans ihr verbietet, sich als Sekretärin in einem Reisebüro zu bewerben, setzt sich die bisher unpolitische Nora mit der Frauenbewegung der 68er auseinander. Zusammen mit drei Freundinnen – einer quirligen Oma (Sibylle Brunner), einer zugewanderten Italienerin (Marta Zoffoli) und einer misshandelten Bäuerin (Rachel Braunschweig) – versucht sie ihr Heimatdorf für die Anliegen der Frauen zu sensibilisieren; besonders im Hinblick auf die nahende Abstimmung über das Frauenstimmrecht. Mit ihrem Kampf seht sie mehr aufs Spiel, als nur ihre Ehe …

Die Göttliche Ordnung beschäftigt sich mit einem peinlichen Kapitel der Schweizer Geschichte: der erschreckend langsamen Einführung des Frauenstimmrechts. Was ein moralinsauerer Film hätte werden können, kommt erfrischend locker daher. Drehbuchautorin und Regisseurin Petra Volpe macht aus ihrer Hauptfigur keine flammend ernste Frauenrechtlerin: Nora ist in erster Linie eine kluge und liebevolle Mutter, die sich zunächst nur mit Widerwille und Schüchternheit aufs politische Parkett begibt. Die humorvollsten Szenen des Filmes spielen mit der Prüderie der vier Dorffrauen. Etwa dann, wenn sie nach Zürich an eine Demonstration reisen und von der Freizügigkeit der Stadt überrumpelt werden.

Der Plot folgt einem konventionellen Muster: Es geht um eine Aussenseiterin, die sich gegen eine Mehrheit durchsetzen muss, und dabei immer mehr Verbündete findet. Wenn sich die Frauen des Dorfes streikend im Gasthaus verschanzen und zusammenraufen, dann ist das ein überaus sympathisches Treiben. Es täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die Story bis aufs Letzte vorhersehbar ist. Volpe geht inhaltlich kaum Risiken ein. Auch stilistisch verweilt sie im Bereich einer edlen Fernsehproduktion. Immerhin dürfte die zugängliche Präsentation dafür sorgen, dass der Film ein breiteres Publikum findet – was bei der Thematik natürlich durchaus zu begrüssen ist.

Die grössten Qualitäten des Filmes liegen sicherlich im Schauspiel. Marie Leuenberger als Nora ist bezaubernd: ihre Verwandlung von der schüchternen Mutter zur mutigen Politikerin ist ausserordentlich reizvoll. Sibylle Brunner mimt die forsche alte Dame mit sichtlichem Genuss, und Rachel Braunschweig als unglückliche Bauersfrau verleiht Die Göttliche Ordnung eine willkommene, emotionale Tiefe. Auch Maximilian Simonischek als Noras Ehemann Hans zeigt eine nuancierte Leistung: Er ist zwar fürs Frauenstimmrecht, muss aber aus politischen und beruflichen Gründen zurückhaltend sein. Simonischek macht diesen inneren Konflikt gut nachvollziehbar.

Obwohl die Dramaturgie des Filmes wenig originell ist, schneidet sie doch spannende und potentiell sperrige Themen an: die Pflichten einer Mutter, häusliche Gewalt, Zivilcourage und sexuelle Frustration. Manche Probleme werden überhastet aufgelöst, und einige Szenen springen zu schnell von Komödie zu Tragödie. Die Geschichte wirkt zuweilen holprig und holzschnittartig. Aber das ist wohl der Preis, den man für Massentauglichkeit zahlen muss.

Die Göttliche Ordnung ist eine verschmitzte und wohlgefällige Aufarbeitung der Schweizer Frauenbewegung in den 70er-Jahren. Sie wird niemanden schockieren, aber auch niemanden völlig begeistern. Als sachte Heranführung an ein wichtiges Thema kann dieser Film bestimmt einen prominenten Platz in der Schweizer Kinolandschaft einnehmen. Aber letztlich ist dieses Portrait der Emanzipation zu formelhaft, um ein echter Klassiker zu werden.

7/10

Wednesday, 4 January 2017

Eat Drink Man Woman (1994)

Charmantes Portrait einer Familie im Umbruch

Chu ist ein Meister der chinesischen Küche: Souverän befehligt er ein ganzes Heer von Köchen. Weniger meisterhaft ist Chus Umgang mit seinen drei unverheirateten Töchtern, die noch bei ihm zuhause wohnen. Der verwitwete, wortkarge und grummelige Mann dringt nicht so recht zu den Frauen vor; geredet wird in der vierköpfigen Familie vornehmlich „durch den Magen“ – insbesondere beim sonntäglichen Festessen. Dabei gäbe es doch Einiges zu besprechen: denn alle drei Töchter sind drauf und dran, sich in Liebeswirren zu stürzen. Und auch der Herr des Hauses hat eine Überraschung für seinen Nachwuchs parat …

Eat Drink Man Woman ist das warmherzige Portrait einer Familie im Umbruch. Bald schon werden die Töchter ihr Elternhaus verlassen, ein eigenes Leben beginnen. Welche Wege werden sie einschlagen? Wird die älteste Tochter ein zurückhaltendes, strenges Mauerblümchen bleiben? Will die mittlere Tochter ihre aussichtsreiche Beförderung annehmen und nach Amsterdam ziehen? Und wie steht es mit dem Nesthäkchen – welche Pläne hegt es? Fragen über Fragen, die das Drehbuch elegant ineinander verwickelt und wieder auflöst. Die Geschichte ist meisterhaft aufgebaut: Sie hat einen leichtfüssigen Rhythmus, wirkt ungezwungen und gleichzeitig höchst durchdacht. Nach und nach lernen wir die Familienmitglieder näher kennen, ihre Beziehungen untereinander, ihre Vergangenheit und Zukunftsträume. Die Figuren machen manchmal subtile, manchmal grosse, aber immer bedeutende Veränderungen durch; als Zuschauer muss man seinen Eindruck stets aufs Neue überdenken. Plötzlich entpuppt sich die kühle Businessfrau als verspielte Träumerin; oder die strenge Lehrerin als romantische Schwärmerin. Jede Figur ist in ihrer Menschlichkeit greifbar. Was uns hier an Charakterentwicklung geboten wird, ist kaum mehr zu übertreffen.

Ang Lee (Crouching Tiger, Hidden Dragon; Brokeback Mountain) übt sich hier in der Kunst der leisen Töne. Eat Drink Man Woman kommt so bescheiden daher, dass man die Virtuosität hinter dem Understatement beinahe übersieht. Der Film eckt nirgends an. Er ist ein ein Werk über und für die Familie, äusserst gemütlich und liebenswürdig humorvoll. Lee geht keine Risiken ein. Diesen Umstand könnte man kritisieren, wäre er nicht gerade die Stärke des Filmes. Die zu erzählende Geschichte braucht keinen doppelten Boden, keine verborgene Botschaft. What you see is what you get: Es geht eben ums Essen, ums Trinken, um Frauen und um Männer. Es geht um die Liebe, die plötzlich einschlägt und mysteriöse Pfade beschreitet. Und schliesslich geht es ums Loslassen: Wie ein Vater sich von seinen Töchtern verabschiedet, sobald sie erwachsen werden. Und wie er sich selbst einen neuen Lebensweg sucht. Auf der Klaviatur der Liebe schlägt Lee ausserordentlich viele Akkorde an: Einmal erscheint sie stilvoll erotisch, einmal fast karikaturistisch. Wahrhaft magisch: Eines der Pärchen findet sich in der Dunkelkammer, während es eine Photographie entwickelt. Solche innovativen Details machen dieses Werk zu etwas wirklich Besonderem.

Stilistisch spannend wird der Film vor allem dann, wenn’s ums Essen geht. Das beginnt mit der Eröffnungsszene, die den Meisterkoch Chu in seinem Element zeigt: bei der Zubereitung des familiären Sonntagsschmauses. Was für eine wunderbare Charakterstudie diese ersten fünf Minuten sind! Chu spricht kein Wort, doch glaubt man, ihn schon eine Ewigkeit zu kennen. Ganz zu schweigen davon, wie lecker das alles aussieht. Der Schnitt, der Ton, die Struktur der Zutaten – Ang Lee vermischt das alles zu einem filmischen Leckerbissen. Eine andere Szene spielt im Restaurant, in dem Chu arbeitet: Die riesigen Dimensionen der Eingangshalle und der chaotischen Küche erschlagen einen geradezu. Ausserdem bilden sie einen vielsagenden Kontrast zu Chus idyllischem, heimischem Herd. Geschickt fängt Lee noch ganz andere Milieus ein: eine vollgestopfte Schule, ein schmieriger Fastfood-Laden und die strengen Büros einer Fluggesellschaft. So ist Eat Drink Man Woman auch eine Dokumentation der Stadt Taipeh der Neunzigerjahre. 

Eat Drink Man Woman ist ein wundervoller Film, ein ausgewogenes Familienportrait, das nicht nur für Freunde des asiatischen Kinos ein Muss ist. Humorvoll, romantisch, melancholisch – Lee findet genau die richtigen Zutaten und serviert uns einen makellosen Feelgood-Movie, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

10/10

Wednesday, 6 July 2016

Shaolin Soccer (2001)

Infantile Brachial-Parodie auf Kampfkunst- und Sportfilme

Er hätte der grösste Fussballstar Chinas werden können: Fung (Man-Tat Ng), „The Golden Leg“. Doch sein skupellose Rivale Hung (Yin Tse) intrigiert gegen ihn: Er bricht Fungs goldenes Bein. Jahrzehnte später ist Hung ein erfolgreicher Fussballtrainer, und Fung ein Nichts. Doch Fung gibt nicht auf! Er nimmt sich vor, eine Fussballmannschaft zu Trainieren und ganz nach oben zu bringen. Dabei soll ihm Sing (Stephen Chow) helfen, „The Mighty Steel Leg“. Sing, ein begeisterter und ziemlich naiver Kampfkünstler, trommelt sofort seine Brüder zusammen: Gemeinsam bilden sie ein Team von „Kung-Fussballern“. Die Mischung aus Kung fu und Fussball wirkt Wunder: Sie besiegen ihre Gegner im Flug. Nur ein Team kann ihnen gefährlich werden: dasjenige des bösen Trainers Hung. Wird Fung seinen Erzrivalen endlich bezwingen können?

Stephen Chows Shaolin Soccer (2001) nimmt sich keine Sekunde lang ernst. Der Film brennt ein Feuerwerk aus überzeichneten Slapstick-Einlagen und abstrusen Situationen ab. Als Zuschauer kann man da nur staunen, und der pure Wahnwitz auf der Leinwand dürfte den ein oder anderen Lachkrampf provozieren. Der Humor, der uns hier geboten wird, ist ausserordentlich infantil. Das macht den Film entwaffnend: Er ist ein unschuldiger Spass, ein Guilty Pleasure. Blödelei ist die reinste Form der Komik, und Chow hat sie gemeistert. Allerdings hat der Film einen grundsätzlichen Makel: Nicht alle seine Witze zünden. Oft ist das Gelächter bloss ein Reflex auf das Unvorhergesehene, frei nach dem Motto: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ In dieser Hinsicht ist Shaolin Soccer so etwas wie ein gewollter Trashfilm; und manchmal muss man ihm vorwerfen, zu viel zu wollen. Die Naivität ist hier eben nicht wahrhaft unschuldig wie etwa bei Ed Wood (Plan 9 from Outer Space), sondern kalkuliert. Das trübt den Spass ein bisschen.

Shaolin Soccer ist dann am besten, wenn er in den Fussballszenen schwelgt: Da wird der Ball wird in die Stratosphäre gekickt, oder erhält einen unrealistischen Drall, sodass er in der Luft eine regelrechte Kehrtwende macht. Szenen wie diese zaubern einem ein kindliches Grinsen ins Gesicht. Das ist pure Brechstangen-Unterhaltung, ohne Rücksicht auf Verluste. Und es ist toll! In diesen Momenten verlässt der Film sein Kalkül: Hier parodiert Chow nicht bloss Kampfkunst- und Sportfilme, sondern geniesst die Szenen selbst. Die überzeichneten Spezialeffekte tun ihr Übriges. Fast fühlt man sich in einen Zeichentrickfilm oder ein Videospiel versetzt. Vielleicht hätte dem Film eine ernstere Rahmenhandlung sogar gut getan? Actionszenen werden ja nicht dadurch unterhaltsamer, dass man sie ironisch bricht.

So oder so, eigentlich kann man dem guten Stephen Chow nicht böse sein. Dazu sind seine Kung-Fussballer dann doch zu sympathisch und spassig. Shaolin Soccer ist ein wunderbarer Partyfilm und als solcher vollumfänglich zu empfehlen. Auch Cineasten dürfen einen Blick riskieren; eine derart erratische Brachial-Komödie bekommt man schliesslich nicht alle Tage vor die Linse. In dieser Hinsicht dürfte Chows Magmum Opus Kung Fu Hustle (2004) allerdings einschlägiger sein, ist dieser doch noch eine Spur ausgefeilter und irrer. Die Moral von der Geschicht: Kung fu plus Fussball ist ein Wundermittel gegen Langeweile, aber eine humoristische Erleuchtung sieht anders aus.

6/10

Saturday, 13 February 2016

Le fabuleux destin d'Amélie Poulain (2001)

Phantasievolle Liebeserklärung an introvertierte Träumer

Willkommen in Amélie Poulains (Audrey Tautou) fabelhafter Welt: Hier gehen Gartenzwerge auf Weltreise, Gespenster suchen Foto-Automaten heim und belanglose Details werden zu wundersamen Ereignissen. Amélie ist eine hochsensible Träumerin, die den Kontakt zu anderen Menschen meidet. Eines Tages aber beschliesst sie, sich in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen. Als unsichtbarer Schutzengel steht sie ihrem Bekanntenkreis zur Seite. Sie verkuppelt zwei Besucher des Cafés, in dem sie arbeitet. Sie weckt die Reiselust ihres apathischen Vaters. Und sie rächt sich an einem gemeinen Obsthändler. Nur sich selbst in ihrer Einsamkeit scheint sie nicht helfen zu können. Aber vielleicht findet sie durch ihre neue Berufung zu ihrer grossen Liebe? Vielleicht.

Le Fabuleux Destin d'Amélie Poulain ist eine visuelle Tour de Force. Die Farbgebung ist prägnant, fast schrill. Vor allem Grün-, Gelb- und Rottöne herrschen vor. Die Kamera von Bruno Delbonnel (Inside Llewyn Davis, Harry Potter and the Half-Blood Prince) ist omnipräsent: Sie rüttelt schroff umher und schwebt elegant um Amélie herum, je nach Situation. Mitunter ist der Schnitt schwindelerregend erratisch. Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Alien: Resurrection) versteht es virtuos, Amélies fabelhafte Welt auch formal sichtbar zu machen. Jeunet ist bekannt für seinen quirligen, auffälligen Stil. Stand dieser Stil in der Dystopie Delicatessen (1991) noch im Zeichen des schwarzen Humors, zelebriert er in Amélie der Romantik. Müsste man dem Film ein Genre zuteilen, wäre es wohl die romantische Komödie, allerdings eine mit makaberen und karikaturistischen Zügen.

Vordergründig ist Amélie vor allem eines: Süss. Ein Erzähler kommentiert die Geschichte Amélies wie ein Märchenonkel. Amélies Welt ist ein Universum kleiner Freuden; etwa, wenn sie mit dem Löffel Crème brûlée aufbricht, oder wenn sie gespannt die Gesichter der Zuschauer im Kino betrachtet. Audrey Tautou (The Da Vinci Code) selbst ist der Inbegriff der schüchternen, liebenswerten Träumerin. Sie verbindet die Eleganz einer Audrey Hepburn mit dem Charme des Mädchens von nebenan. Tautou trifft nicht nur die humoristischen, sondern auch die dramatischen Töne meisterhaft.

Die Gefühle Amélies werden zuweilen wortwörtlich visualisiert. Wenn ihr Herz rast, werfen wir einen Blick in ihren Brustkorb. Wenn sie vor Verliebtheit zerschmelzt, dann muss man sie nachher vom Boden aufwischen. Und die Wolken sehen nicht nur aus wie Hasen oder Bären, sie sind es tatsächlich. Ihr Rachefeldzug gegen den Obsthändler erreicht in seiner Kindlichkeit beinahe  das „Niveau“ von Chris Columbus’ Home Alone (1990).

Doch ist der Film nicht gänzlich unverdorben: Thanatos und Eros sind überall sichtbar. Wann immer es um den Tod geht, kommt Jeunets schwarzer Humor zum Tragen: Amélies Mutter etwa stirbt, weil sich eine Selbstmörderin von einer Kirche stürzt und auf sie fällt. Die Sexualität tritt als Antithese zu Amélies Liebesbegriff auf. Für den menschlichen Trieb hat sie nur höchstens ein verständnisvolles Lächeln übrig. Wenn sie sich wundert, wie viele Menschen in Paris einen Orgasmus haben, tut sie dies mit distanzierter Verträumtheit. In einer Schlüsselszene verschmelzen Tod und Sexualität: Amélie verfolgt Nino (Mathieu Kassovitz), den Mann ihrer Träume, in eine Geisterbahn. Dort tritt er ihr als Skelett entgegen und versucht ihr mit tiefem Stöhnen Angst einzujagen. Eine Szene von schauderhafter Erotik. Der Tod und die Sexualität werden ständig mit behandelt, als verdrängte und ironisierte Instanzen.

Das Hauptthema des Filmes wird hingegen direkt ausgesprochen und behandelt: Es geht darum, dass Amélie ihre eigenen Wünsche verleugnet, indem sie sich in ihrer Traumwelt verliert. Den Kontakt zu anderen kann sie nur knüpfen, indem sie sich elaborierte und exzentrische Pläne zurecht legt. Amélies Nachbar Raymond Dufayel (Serge Merlin) wirft ihr diese Unzulänglichkeiten unverblümt an den Kopf. Aber auch dieser Konflikt wird überzeichnet: In einer wunderbar selbstironischen Szene betrauert Amélie ihren eigenen, angeblichen Tod – und stilisiert sich zu einer selbstlosen Märtyrerin, die sie offensichtlich nicht ist. Das Motiv des Filmes ist weder neu noch tiefgründig, doch erhält es durch Selbstreflexion eine leichtfüssige Gangart. Es ist, als würde der Film sagen: „Ja, diese Geschichte mag einfach gestrickt sein. Aber sie ist phantastisch, nicht wahr?“

Sie ist wahrhaft phantastisch, diese Geschichte. Le Fabuleux Destin d'Amélie Poulain hat mir einst beigebracht, wie magisch das Kino sein kann. Bis heute gehört er zu meinen Lieblingsfilmen. Wann immer Amélie im Fluss Schiefersteine springen lässt, begleitet von Yann Tiersens zauberhafter Musik und Bruno Delbonnels schwebender Kamera, muss ich die Tränen zurückhalten. Ich weiss nicht, wieso. Ich weiss nur: Amélie eine der Gründe, weshalb ich das Kino heute so liebe.

Wer so tief in die Welt einer Hochsensiblen eintaucht, macht sich ästhetisch verletzbar. Der Stil dieses Filmes liesse sich durchaus als manieriert und naiv anprangern. Als herausragendes Kunstwerk kann man Amélie letztlich nicht bezeichnen; dazu ist der Plot dann doch zu gradlinig. Dennoch handelt es sich um ein Meisterstück des Kinos. Amélie ist eine phantasievolle Liebeserklärung an introvertierte Träumer: keineswegs makellos, aber erfrischend, bunt und gedankenvoll wie ein sonniger Herbsttag.

10/10

Sunday, 7 February 2016

First Men in the Moon (1964)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Unschuldiges, liebenswürdiges Weltraum-Abenteuer

1899, Grossbritannien. Der tollpatschige Wissenschaftler Joseph Cavor (Lionel Jeffries) hat eine Substanz erfunden, die er bescheiden „Cavorit“ nennt. Gegenstände, die mit Cavorit in Berührung kommen, trotzen den Gesetzen der Schwerkraft. Als Dr. Cavors Nachbar Arnold Bedford (Edward Judd) von dieser Erfindung Wind bekommt, wittert er die Chance, sein klaffendes Schuldenloch zu stopfen. Kurzerhand beteiligt er sich an Cavors Forschungen. Was er noch nicht weiss: Der liebe Doktor hat im Sinne, mithilfe des Cavorits zum Mond zu fliegen. In der Nacht der Abreise landet durch ein Missgeschick auch Arnolds Verlobte Kate (Martha Hyer) im kugelförmigen Raumschiff. Ob dieses quirlige Dreiergespann für eine Mondreise gerüstet ist?

Nathan Jurans Spielfilm First Men in the Moon, der auf dem gleichnamigen Roman von H. G. Wells basiert, ist eine sympathische Science-Fiction-Komödie. Die erste Hälfte des Filmes spielt irgendwo auf dem Lande in Grossbritannien. Hier kriegen sich Arnold und Kate aufgrund finanzieller Kleinigkeiten in die Haare, und Dr. Cavor tut das, was verrückte Wissenschaftler eben so tun: hyperaktiv vor hunderttausend Reagenzgläsern herumhüpfen. Lionel Jeffries (Chitty Chitty Bang Bang) spielt dermassen zappelig und übertrieben, Christopher Lloyd alias Doc Brown aus Back to the Future (1985) wäre stolz auf ihn. Dagegen spielt Edward Judd (The Day the Earth Caught Fire) einen gänzlich charakterlosen Helden, der vor allem in der zweiten Hälfte uninteressanter kaum sein könnte. Martha Hyer (Sabrina, Some Came Running) als treuherzig-naive Kate ist liebenswürdig und hübsch.

Nach einigen albernen Slapstik-Einlagen, durchaus pointierten Dialogen und einer Hausexplosion heisst es schliesslich: Auf zum Mond! Cavors Weltraumkapsel ist derart improvisiert, dass es fast schon suizidal anmutet. Eine Taucherausrüstung soll als Raumanzug dienen, und die Sitzgelegenheiten im Gefährt sind aus Seilen zusammengeflochten, die an der Decke befestigt sind. Darüber hinaus hielt es Kate für eine gute Idee, als Nahrungsmittel eine Schar lebendiger Hühner mitzunehmen. Das also waren die erste Erdlinge auf dem Mond: drei verrückte Briten …!

Mit der reichlich unsanften Mondlandung beginnt die zweite Hälfte des Filmes, die etwas ernsthafter daherkommt. Sie glänzt mit der Trickkunst des allseits geschätzten Ray Harryhausens und den ansehnlichen Kulissen, die eine überraschend einnehmende Atmosphäre schaffen. Schliesslich treffen die drei Erdlinge auf Aliens, die etwa so furchterregend sind wie Kinder in Ameisenkostümen. Oh, Verzeihung; wahrscheinlich sind diese Aliens sogar Kinder in Ameisenkostümen.

Alfred lässt lieber gleich die Fäuste sprechen, bevor er die Mondbewohner anhört. Demgegenüber ist Dr. Cavor bestrebt, mit den so genannten Seleniten zu kommunizieren. Hier tut sich ein moralischer Konflikt auf: Arnold stellt sich den Aliens feindselig gegenüber, und Dr. Cavor will auf sie zugehen, von ihnen lernen. Dieser Konflikt ist leider zu schlicht und forciert, als dass man ihn ganz ernst nehmen könnte. Vor einer Viertelstunde zeigte uns Juran noch eine Raumkapsel voller Hühner; und jetzt sollen wir über Krieg und Frieden philosophieren? Das ist zwar nett gemeint, aber: Nein, danke.

Die Schlusspointe des Filmes ruiniert denn auch jede Ernsthaftigkeit, die er hätte für sich beanspruchen können. Was für ein Unsinn! Aber wirklich böse kann man Juran und seiner Crew nicht sein. Denn unterm Strich ist First Men in the Moon recht unterhaltsam, sei es wegen den netten Harryhausen-Effekten oder dem charmanten Trash-Faktor.

6/10

Saturday, 6 February 2016

Good Neighbor Sam (1964)

Unlustige und unromantische romantische Komödie nach Schema F

Janet Lagerlof (Romy Schneider) erfährt, dass sie 15 Millionen von ihrem Grossvater erben soll – unter der Bedingung allerdings, dass sie eine stabile Ehe führt. Kein gutes Timing, da sie sich kürzlich erst von ihrem Mann getrennt hat. Da „leiht“ sich Janet kurzerhand Sam Bissell (Jack Lemmon), den Mann ihrer besten Freundin, aus. Dieser soll Janets Eheman mimen, bis die Erbschaft im Trockenen ist. So verstricken sich die beiden immer tiefer im Verwirrspiel …  

Wieder liefert David Swift (How to Succeed in Business Without Really Trying) eine lauwarme Komödie ab, die überhaupt nicht gut gealtert ist. Good Neighbour Sam ist eine Verwechslungs-Romcom, wie sie im Buche steht. Naturgemäss besteht der Plot fast nur aus dummen Missgeschicken und -verständnisen. Zu Beginn sieht es noch so aus, als würde wenigstens auf die typischen Eifersüchteleien („Mit meiner besten Freundin im selben Haus übernachten?!“) verzichtet. Doch mit zunehmender Laufzeit drängt sich das berechenbare Gekeife in den Vordergrund.

Der Slapstik-Anteil ist ausgesprochen hoch ausgefallen, und auch dieser wird nach einer Weile eintönig: Da stolpert man im Minutentakt über Geflügel, zerdeppert Möbel und fährt im Affenzahn durch die Innenstadt. Der Humor dieses Filmes ist gar einfach und monoton ausgefallen. Witzig ist allenfalls die Szene, in der Sam fälschlicherweise an eine Prostituierte gerät und plötzlich in Maler-Montur vor ihr steht. Die Prostituierte unterstellt ihm einen Fetisch à la Yves Klein und rennt kreischend davon.

Die Figuren gebärden sich sympathisch, aber letztlich sind sie uninteressant. Romy Schneider (Sissi) ist frohgemut und kokett. Jack Lemmon (Some Like It Hot) gibt den unschuldigen Tollpatsch von Nebenan, der an Maschinerien im Stile Tinguelys herum tüftelt. Auch Dorothy Provine (It's a Mad Mad Mad Mad World) kann ihrer Rolle als Bissells Ehefrau keine Konturen verleihen.

Good Neighbour Sam ist ein vorhersehbarer Schwank nach Schema F, der weder romantische noch komödiantische Funken verspürt. Noch dazu ist er überlang und unlogisch. Ein Film, der höchstens treuen Romy Schneider-Fans zu empfehlen ist.

3/10