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Wednesday, 4 January 2017

Eat Drink Man Woman (1994)

Charmantes Portrait einer Familie im Umbruch

Chu ist ein Meister der chinesischen Küche: Souverän befehligt er ein ganzes Heer von Köchen. Weniger meisterhaft ist Chus Umgang mit seinen drei unverheirateten Töchtern, die noch bei ihm zuhause wohnen. Der verwitwete, wortkarge und grummelige Mann dringt nicht so recht zu den Frauen vor; geredet wird in der vierköpfigen Familie vornehmlich „durch den Magen“ – insbesondere beim sonntäglichen Festessen. Dabei gäbe es doch Einiges zu besprechen: denn alle drei Töchter sind drauf und dran, sich in Liebeswirren zu stürzen. Und auch der Herr des Hauses hat eine Überraschung für seinen Nachwuchs parat …

Eat Drink Man Woman ist das warmherzige Portrait einer Familie im Umbruch. Bald schon werden die Töchter ihr Elternhaus verlassen, ein eigenes Leben beginnen. Welche Wege werden sie einschlagen? Wird die älteste Tochter ein zurückhaltendes, strenges Mauerblümchen bleiben? Will die mittlere Tochter ihre aussichtsreiche Beförderung annehmen und nach Amsterdam ziehen? Und wie steht es mit dem Nesthäkchen – welche Pläne hegt es? Fragen über Fragen, die das Drehbuch elegant ineinander verwickelt und wieder auflöst. Die Geschichte ist meisterhaft aufgebaut: Sie hat einen leichtfüssigen Rhythmus, wirkt ungezwungen und gleichzeitig höchst durchdacht. Nach und nach lernen wir die Familienmitglieder näher kennen, ihre Beziehungen untereinander, ihre Vergangenheit und Zukunftsträume. Die Figuren machen manchmal subtile, manchmal grosse, aber immer bedeutende Veränderungen durch; als Zuschauer muss man seinen Eindruck stets aufs Neue überdenken. Plötzlich entpuppt sich die kühle Businessfrau als verspielte Träumerin; oder die strenge Lehrerin als romantische Schwärmerin. Jede Figur ist in ihrer Menschlichkeit greifbar. Was uns hier an Charakterentwicklung geboten wird, ist kaum mehr zu übertreffen.

Ang Lee (Crouching Tiger, Hidden Dragon; Brokeback Mountain) übt sich hier in der Kunst der leisen Töne. Eat Drink Man Woman kommt so bescheiden daher, dass man die Virtuosität hinter dem Understatement beinahe übersieht. Der Film eckt nirgends an. Er ist ein ein Werk über und für die Familie, äusserst gemütlich und liebenswürdig humorvoll. Lee geht keine Risiken ein. Diesen Umstand könnte man kritisieren, wäre er nicht gerade die Stärke des Filmes. Die zu erzählende Geschichte braucht keinen doppelten Boden, keine verborgene Botschaft. What you see is what you get: Es geht eben ums Essen, ums Trinken, um Frauen und um Männer. Es geht um die Liebe, die plötzlich einschlägt und mysteriöse Pfade beschreitet. Und schliesslich geht es ums Loslassen: Wie ein Vater sich von seinen Töchtern verabschiedet, sobald sie erwachsen werden. Und wie er sich selbst einen neuen Lebensweg sucht. Auf der Klaviatur der Liebe schlägt Lee ausserordentlich viele Akkorde an: Einmal erscheint sie stilvoll erotisch, einmal fast karikaturistisch. Wahrhaft magisch: Eines der Pärchen findet sich in der Dunkelkammer, während es eine Photographie entwickelt. Solche innovativen Details machen dieses Werk zu etwas wirklich Besonderem.

Stilistisch spannend wird der Film vor allem dann, wenn’s ums Essen geht. Das beginnt mit der Eröffnungsszene, die den Meisterkoch Chu in seinem Element zeigt: bei der Zubereitung des familiären Sonntagsschmauses. Was für eine wunderbare Charakterstudie diese ersten fünf Minuten sind! Chu spricht kein Wort, doch glaubt man, ihn schon eine Ewigkeit zu kennen. Ganz zu schweigen davon, wie lecker das alles aussieht. Der Schnitt, der Ton, die Struktur der Zutaten – Ang Lee vermischt das alles zu einem filmischen Leckerbissen. Eine andere Szene spielt im Restaurant, in dem Chu arbeitet: Die riesigen Dimensionen der Eingangshalle und der chaotischen Küche erschlagen einen geradezu. Ausserdem bilden sie einen vielsagenden Kontrast zu Chus idyllischem, heimischem Herd. Geschickt fängt Lee noch ganz andere Milieus ein: eine vollgestopfte Schule, ein schmieriger Fastfood-Laden und die strengen Büros einer Fluggesellschaft. So ist Eat Drink Man Woman auch eine Dokumentation der Stadt Taipeh der Neunzigerjahre. 

Eat Drink Man Woman ist ein wundervoller Film, ein ausgewogenes Familienportrait, das nicht nur für Freunde des asiatischen Kinos ein Muss ist. Humorvoll, romantisch, melancholisch – Lee findet genau die richtigen Zutaten und serviert uns einen makellosen Feelgood-Movie, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

10/10

Monday, 29 February 2016

Crouching Tiger, Hidden Dragon (2000)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Ein Kampfkunstfilm von ausserordentlicher Poesie

Der geachtete Schwertkämpfer Li Mubai (Chow Yun-Fat) will eine Vergangenheit des Blutvergiessens hinter sich lassen. Er beauftragt seine Kampfgefährtin Yu Xiulian (Michelle Yeoh), das legendäre Grüne Schwert einem gemeinsamen Freund namens Te zu schenken. Kaum jedoch hat Yu das Schwert übergeben, wird es prompt aus dem Anwesend Tes gestohlen. Dieser Diebstahl genügt, um Li Mubai auf den Pfad der Gewalt zurückzuführen. Denn die Spuren führen zum berüchtigten Jadefuchs, der einst Lis ehrwürdigen Meister tötete. Li Mubais Rachepläne verweben sich mit einer Affäre zwischen der eingeengten Gouverneurstochter Jiao Long (Ziyi Zhang) und dem heissblütigen Räuber Luo Yiao Hu (Chen Chang). Und wie steht es mit den Gefühlen, die Li seit Jahren für seine Vertraute Yu Xiulian hegt? Ist den beiden Meisterkämpfern eine gemeinsame Zukunft beschieden?

Mit Crouching Tiger, Hidden Dragon nimmt sich das Gerne-Chamäleon Ang Lee (Hulk, Brokeback Mountain) dem chinesischen Wuxia-Film an, wobei die vorliegende Produktion eben so sehr ein Actionfilm, wie ein romantisches Drama ist. Lees Werk ist dialoglastig ausgefallen. Die Gespräche werden behäbig und steif inszeniert, was dem Film eine nachdenkliche Stimmung verleiht, teilweise aber auch Langeweile erzeugt. Einige Themen, wie etwa das chinesische Frauenbild, werden allzu direkt angesprochen.

Der Film kontrastiert zwei Beziehungen: Die Liebe zwischen Li Mubai und Yu Xiulian ist reif, zurückhaltend und tief, während die Liebe zwischen Luo Yiao Hu und Jiao Long naiv, stürmisch und unüberlegt daher kommt. Das ältere Pärchen hat ihre Gefühle aus Pflicht- und Ehrgefühl jahrelang unterdrückt, vielleicht zu lange. Dagegen ist das jüngere Pärchen bereit, wider jegliche Vernunft und ohne Voraussicht zu handeln. Besonders der Unterschied zwischen den beiden Frauenfiguren Yu und Jiao ist bezeichnend. Yu ist stets bestrebt, die Wogen zu glätten und ihre eigenen Leidenschaften hinten an zu stellen. Jiao folgt ihrem Impuls, der von kindlicher Überheblichkeit nur so strotzt und sich um mögliche Konsequenzen nicht schert. Der Konflikt zwischen Yu und Jiao kumuliert in einer spektakulären Kampfszene, der besten des Filmes; sie ist gleichzeitig ein Widerstreit zweier Wesensarten.

Überhaupt sind die Kampfszenen in Crouching Tiger, Hidden Dragon echte Hingucker. Jeder Kampf hat seine eigene Atmosphäre; sei diese meditativ, romantisch, albern oder todernst. Hier geht es nicht nur darum, dem Publikum möglichst coole Moves um die Ohren zu hauen; die tänzerischen Kampfschritte transportieren Gefühle auf eine Weise, wie ich es noch nie gesehen habe. Lee entwickelt hier eine wunderbare Filmpoesie der Bewegungen. Mit dieser visuellen Ästhetik kann der Plot nicht immer mithalten; wenn er auch durchaus intelligent ist, neigt er doch stellenweise zu argem Kitsch. Die Geschichte spitzt sich denn auch auf eine grosse Tragödie zu, der man Einfachheit und Pathos vorwerfen kann – aber nicht muss, denn das Finale ist unheimlich bewegend und erstickt mit seiner epischen Eleganz jeglichen Zynismus. Der berührende Score von Tan Dun (Hero) tut sein Übriges.

Jiao Long verhält sich dermassen unvernünftig, dass sie selbst den hinterhältigen Jadefuchs als Antagonistin in den Schatten stellt. Li Mubai äussert immer wieder den Wunsch, ihr Meister zu werden. Doch davon will Jiao nichts wissen; sie begnügt sich mit effektvollen, aber leeren Kampftechniken. Ihr jugendlicher Übermut verhindert, dass sich ihr Talent zu echter Meisterschaft ausbildet. Der Konflikt zwischen weisem Meister und uneinsichtiger Schülerin verwebt sich am Ende mit den beiden Liebesgeschichten, sodass die Geschichte auf einen runden Schlusspunkt zuläuft.

Crouching Tiger, Hidden Dragon ist in den Dialogen ruhig und tiefsinnig, in den Kämpfen gefühlvoll und atemberaubend. Fraglich sind allenfalls einzelne humoristische Einlagen und der etwas zähe Mittelteil. Der ausserordentlichen Poesie von Ang Lees Kampfkunstfilm tut dies aber keinen Abbruch. Ein äusserst empfehlenswertes Werk – auch und gerade für jene, die mit dem Genre unvertraut sind.

9/10

Saturday, 13 February 2016

Le fabuleux destin d'Amélie Poulain (2001)

Phantasievolle Liebeserklärung an introvertierte Träumer

Willkommen in Amélie Poulains (Audrey Tautou) fabelhafter Welt: Hier gehen Gartenzwerge auf Weltreise, Gespenster suchen Foto-Automaten heim und belanglose Details werden zu wundersamen Ereignissen. Amélie ist eine hochsensible Träumerin, die den Kontakt zu anderen Menschen meidet. Eines Tages aber beschliesst sie, sich in das Leben ihrer Mitmenschen einzumischen. Als unsichtbarer Schutzengel steht sie ihrem Bekanntenkreis zur Seite. Sie verkuppelt zwei Besucher des Cafés, in dem sie arbeitet. Sie weckt die Reiselust ihres apathischen Vaters. Und sie rächt sich an einem gemeinen Obsthändler. Nur sich selbst in ihrer Einsamkeit scheint sie nicht helfen zu können. Aber vielleicht findet sie durch ihre neue Berufung zu ihrer grossen Liebe? Vielleicht.

Le Fabuleux Destin d'Amélie Poulain ist eine visuelle Tour de Force. Die Farbgebung ist prägnant, fast schrill. Vor allem Grün-, Gelb- und Rottöne herrschen vor. Die Kamera von Bruno Delbonnel (Inside Llewyn Davis, Harry Potter and the Half-Blood Prince) ist omnipräsent: Sie rüttelt schroff umher und schwebt elegant um Amélie herum, je nach Situation. Mitunter ist der Schnitt schwindelerregend erratisch. Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Alien: Resurrection) versteht es virtuos, Amélies fabelhafte Welt auch formal sichtbar zu machen. Jeunet ist bekannt für seinen quirligen, auffälligen Stil. Stand dieser Stil in der Dystopie Delicatessen (1991) noch im Zeichen des schwarzen Humors, zelebriert er in Amélie der Romantik. Müsste man dem Film ein Genre zuteilen, wäre es wohl die romantische Komödie, allerdings eine mit makaberen und karikaturistischen Zügen.

Vordergründig ist Amélie vor allem eines: Süss. Ein Erzähler kommentiert die Geschichte Amélies wie ein Märchenonkel. Amélies Welt ist ein Universum kleiner Freuden; etwa, wenn sie mit dem Löffel Crème brûlée aufbricht, oder wenn sie gespannt die Gesichter der Zuschauer im Kino betrachtet. Audrey Tautou (The Da Vinci Code) selbst ist der Inbegriff der schüchternen, liebenswerten Träumerin. Sie verbindet die Eleganz einer Audrey Hepburn mit dem Charme des Mädchens von nebenan. Tautou trifft nicht nur die humoristischen, sondern auch die dramatischen Töne meisterhaft.

Die Gefühle Amélies werden zuweilen wortwörtlich visualisiert. Wenn ihr Herz rast, werfen wir einen Blick in ihren Brustkorb. Wenn sie vor Verliebtheit zerschmelzt, dann muss man sie nachher vom Boden aufwischen. Und die Wolken sehen nicht nur aus wie Hasen oder Bären, sie sind es tatsächlich. Ihr Rachefeldzug gegen den Obsthändler erreicht in seiner Kindlichkeit beinahe  das „Niveau“ von Chris Columbus’ Home Alone (1990).

Doch ist der Film nicht gänzlich unverdorben: Thanatos und Eros sind überall sichtbar. Wann immer es um den Tod geht, kommt Jeunets schwarzer Humor zum Tragen: Amélies Mutter etwa stirbt, weil sich eine Selbstmörderin von einer Kirche stürzt und auf sie fällt. Die Sexualität tritt als Antithese zu Amélies Liebesbegriff auf. Für den menschlichen Trieb hat sie nur höchstens ein verständnisvolles Lächeln übrig. Wenn sie sich wundert, wie viele Menschen in Paris einen Orgasmus haben, tut sie dies mit distanzierter Verträumtheit. In einer Schlüsselszene verschmelzen Tod und Sexualität: Amélie verfolgt Nino (Mathieu Kassovitz), den Mann ihrer Träume, in eine Geisterbahn. Dort tritt er ihr als Skelett entgegen und versucht ihr mit tiefem Stöhnen Angst einzujagen. Eine Szene von schauderhafter Erotik. Der Tod und die Sexualität werden ständig mit behandelt, als verdrängte und ironisierte Instanzen.

Das Hauptthema des Filmes wird hingegen direkt ausgesprochen und behandelt: Es geht darum, dass Amélie ihre eigenen Wünsche verleugnet, indem sie sich in ihrer Traumwelt verliert. Den Kontakt zu anderen kann sie nur knüpfen, indem sie sich elaborierte und exzentrische Pläne zurecht legt. Amélies Nachbar Raymond Dufayel (Serge Merlin) wirft ihr diese Unzulänglichkeiten unverblümt an den Kopf. Aber auch dieser Konflikt wird überzeichnet: In einer wunderbar selbstironischen Szene betrauert Amélie ihren eigenen, angeblichen Tod – und stilisiert sich zu einer selbstlosen Märtyrerin, die sie offensichtlich nicht ist. Das Motiv des Filmes ist weder neu noch tiefgründig, doch erhält es durch Selbstreflexion eine leichtfüssige Gangart. Es ist, als würde der Film sagen: „Ja, diese Geschichte mag einfach gestrickt sein. Aber sie ist phantastisch, nicht wahr?“

Sie ist wahrhaft phantastisch, diese Geschichte. Le Fabuleux Destin d'Amélie Poulain hat mir einst beigebracht, wie magisch das Kino sein kann. Bis heute gehört er zu meinen Lieblingsfilmen. Wann immer Amélie im Fluss Schiefersteine springen lässt, begleitet von Yann Tiersens zauberhafter Musik und Bruno Delbonnels schwebender Kamera, muss ich die Tränen zurückhalten. Ich weiss nicht, wieso. Ich weiss nur: Amélie eine der Gründe, weshalb ich das Kino heute so liebe.

Wer so tief in die Welt einer Hochsensiblen eintaucht, macht sich ästhetisch verletzbar. Der Stil dieses Filmes liesse sich durchaus als manieriert und naiv anprangern. Als herausragendes Kunstwerk kann man Amélie letztlich nicht bezeichnen; dazu ist der Plot dann doch zu gradlinig. Dennoch handelt es sich um ein Meisterstück des Kinos. Amélie ist eine phantasievolle Liebeserklärung an introvertierte Träumer: keineswegs makellos, aber erfrischend, bunt und gedankenvoll wie ein sonniger Herbsttag.

10/10

Saturday, 6 February 2016

Good Neighbor Sam (1964)

Unlustige und unromantische romantische Komödie nach Schema F

Janet Lagerlof (Romy Schneider) erfährt, dass sie 15 Millionen von ihrem Grossvater erben soll – unter der Bedingung allerdings, dass sie eine stabile Ehe führt. Kein gutes Timing, da sie sich kürzlich erst von ihrem Mann getrennt hat. Da „leiht“ sich Janet kurzerhand Sam Bissell (Jack Lemmon), den Mann ihrer besten Freundin, aus. Dieser soll Janets Eheman mimen, bis die Erbschaft im Trockenen ist. So verstricken sich die beiden immer tiefer im Verwirrspiel …  

Wieder liefert David Swift (How to Succeed in Business Without Really Trying) eine lauwarme Komödie ab, die überhaupt nicht gut gealtert ist. Good Neighbour Sam ist eine Verwechslungs-Romcom, wie sie im Buche steht. Naturgemäss besteht der Plot fast nur aus dummen Missgeschicken und -verständnisen. Zu Beginn sieht es noch so aus, als würde wenigstens auf die typischen Eifersüchteleien („Mit meiner besten Freundin im selben Haus übernachten?!“) verzichtet. Doch mit zunehmender Laufzeit drängt sich das berechenbare Gekeife in den Vordergrund.

Der Slapstik-Anteil ist ausgesprochen hoch ausgefallen, und auch dieser wird nach einer Weile eintönig: Da stolpert man im Minutentakt über Geflügel, zerdeppert Möbel und fährt im Affenzahn durch die Innenstadt. Der Humor dieses Filmes ist gar einfach und monoton ausgefallen. Witzig ist allenfalls die Szene, in der Sam fälschlicherweise an eine Prostituierte gerät und plötzlich in Maler-Montur vor ihr steht. Die Prostituierte unterstellt ihm einen Fetisch à la Yves Klein und rennt kreischend davon.

Die Figuren gebärden sich sympathisch, aber letztlich sind sie uninteressant. Romy Schneider (Sissi) ist frohgemut und kokett. Jack Lemmon (Some Like It Hot) gibt den unschuldigen Tollpatsch von Nebenan, der an Maschinerien im Stile Tinguelys herum tüftelt. Auch Dorothy Provine (It's a Mad Mad Mad Mad World) kann ihrer Rolle als Bissells Ehefrau keine Konturen verleihen.

Good Neighbour Sam ist ein vorhersehbarer Schwank nach Schema F, der weder romantische noch komödiantische Funken verspürt. Noch dazu ist er überlang und unlogisch. Ein Film, der höchstens treuen Romy Schneider-Fans zu empfehlen ist.

3/10

Les Chansons d'Amour (2007)

Kühles, dramaturgisch ungeschicktes Zitate-Ratespiel

Ismaël, Julie und Alice befinden sich in einer Dreierbeziehung. Solange jedenfalls, bis etwas ganz Schlimmes geschieht. Danach fühlt sich Ismaël plötzlich dem männlichen Geschlecht zugeneigt. Dazwischen wird ab und an ein bisschen gesungen. Und dann ist der Film auch schon wieder zu Ende.

So sähe meine etwas schludrige Inhaltsangabe zu Christophe Honorés Les Chansons d’amour aus. Und ganz ehrlich: Viel mehr hab ich in diesem Film nicht gesehen. Das Gimmick des Films sind die Gesangseinlagen, die offenbar ein Fingerzeig auf  Chanson-Filme wie Jacques Demys Les Parapluies de Cherbourg (1964) sein wollen. Mit Ludivine Sagnier hat man sich dann auch das Nesthäkchen aus François Ozons launiger Musik-Komödie 8 femmes (2002) an Bord geholt. Leider zünden von den dreizehn „Chansons der Liebe“ nur zwei: das neckische Terzett zwischen der Hauptfiguren (Je n'aime que toi) und das wunderschön melancholische Solo von Chiara Mastroianni (Au Parc).

In Les Chansons d’amour geht es um die Frage, wie man mit einem schweren Schicksalsschlag umgehen soll. Besser gesagt: Es hätte darum gehen sollen. Honorés Auseinandersetzung mit dieser Frage ist nämlich eher gestelzt. Natürlich, die Figuren lamentieren fleissig herum – aber wirklich interessiert hat mich das nicht. Fast hat man den verdacht, es wäre dem Regisseur wichtiger gewesen, die Grossen zu zitieren, als ehrlich in die Thematik einzutauchen.

Dass Ismaël nach und nach eine homosexuelle Beziehung aufbaut, passt zwar ins lose Thema der Freien Liebe, das auch mit der Ménage-à-trois angeschnitten wird, aber mehr als eine leere Fassade erkenne ich hier nicht. Es wird viel zu wenig auf dieses Verhältnis eingegangen! Als wäre nur eines wichtig: Nämlich, dass es sich eben um eine schwule Beziehung handelt. Wenn das alles ist, was es dazu zu sagen gibt, dann muss ich mich schon über diesen Handlungsstrang wundern, der mit zunehmender Laufzeit immer zentraler wird.

Die Beziehung zwischen Julie und Ismaël wird dadurch schlicht aus dem Bild gedrängt. Dabei wären doch gerade die beiden das Rückgrat der Geschichte gewesen! Kurz: Die Dramaturgie vonLes Chansons d’amour scheint mir reichlich ungeschickt zu sein. Ein blau getöntes Bild und ein paar bleiche Gesichter machen eben noch lange kein Drama.

Am Schluss versandet der Film dann geradezu im Nichts, als hätte Honoré gar keine Ahnung, worauf er mit seiner Geschichte eigentlich hinaus wollte. Es wird sicher Zuschauer geben, die dieses Manöver „offenes Ende“ nennen. Ich nenne es: „Vertuschung von Ideenlosigkeit“. Zurück bleibt ein Film, dem die klare Vision ebenso fehlt, wie das emotionale Zentrum. Les Chansons d’amour hat seine kleinen Momente, zaghafte Spuren wirklicher Gefühle – Mastroiannis Au Parc ist eine von ihnen. Ansonsten: Nichts als süsse Töne und heisse Luft für ein unterkühltes Zitate-Ratespiel.

4/10

Friday, 5 February 2016

The Danish Girl (2015)

Noble Betrachtung über Geschlechterrollen und Identität

Im Amsterdam der 1920er-Jahre führt der Maler Einar Wegener (Eddie Redmayne) mit seiner Frau Gerda (Alicia Vikander) eine quirlige Künstlerehe. Sie beide sind als Maler tätig, er erfolgreicher als sie. Eines Tages bittet Gerda ihren Mann, ihr in Frauenkleidern Modell zu stehen. Die Strümpfe, die Schuhe und das Balletkleid lösen etwas in ihm aus, das er kaum einordnen kann. Als Gerda die Vorliebe ihres Mannes für Frauenkleider entdeckt, spielt sie zunächst leichtfüssig mit. Das Ehepaar entwirft im Spass eine Kunstfigur: Lili, Einars angebliche Cousine. Verkleidet als Lili besucht Einar einen Ball. Dort wird er von einem anderen Mann bedrängt, was ihn in sexuelle Verwirrung stürzt.

Was ist nur los? Nach und nach wird Einar bewusst, dass er sich in seinem eigenen Körper fremd fühlt. Er ist sich sicher: Im seinem tiefsten Inneren ist er eigentlich eine Frau. Kann Einar diese Erkenntnis einordnen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus ihr? Welche Zukunft hat seine Ehe mit Gerda? Um diese Fragen kreist Tom Hoopers aktueller Spielfilm The Danish Girl.

Der Film beginnt mit einigen grandiosen Landschaftsaufnahmen, deren symbolischer Gehalt erst am Ende des Films aufgelöst wird. Der Stil dieser Aufnahmen ist betont malerisch. Während der gesamten Laufzeit gibt es immer wieder vereinzelte Szenen, die ein gutes Gemälde abgeben würden: zwei gelbe, lange Häuser, die sich in einer extremen Zentralperspektive verlieren; Einar alias Lili, die à la Vermeer gedankenversunken vor einem Fenster sitzt; und schliesslich das Ehepaar Wegener, das eine romantische Landschaft bestaunt. Ansonsten bietet Hooper unaufgeregte, kontemplative Bilder, die die Vergangenheit – ähnlich wie in The King’s Speech – in einer wohligen Noblesse erstrahlen lassen; Bilder, denen man allenfalls eine gewisse Biederkeit vorwerfen kann, in der allerletzten Szene sogar Kitsch. Das Herz dieses Filmes ist aber ohnehin nicht sein Stil, sondern seine beiden Hauptdarsteller.

Eddie Redmayne (The Theory of Everything) strahlt von Anfang an eine androgyne Aura aus, und seine Kostümierung als Frau wirkt glaubwürdig, ohne allzu glatt zu sein. Redmaynes Mimik besteht vor allem aus einem vielschichtigen Lächeln, das je nach Umstand schüchterne Freude oder bodenlose Verzweiflung ausdrückt. Seine Präsenz als Lili ist faszinierend, scheint aber eher seiner Physiognomie als seinem Schauspiel geschuldet zu sein. Redmayne hat durchaus seine emotionalen Momente, aber zu oft ist da dieses Lächeln auf seinem Gesicht, das alles bedeuten kann; alles, aber auch nichts.

Das eigentliche schauspielerische Wunder in diesem Film ist Alicia Vikander (Ex Machina). Von der ersten Szene an tänzelt sie mit einer Unbefangenheit durchs Bild, die entwaffnet. Sie spielt eine gleichermassen gütige wie starke Frau, die offen und geduldig mit den sperrigen Selbsterkenntnissen ihres Mannes umgeht. Obwohl sie die Verwandlung Einars in Lili entfremdet, beisst sie die Zähne zusammen und weigert sich partout, ihren Mann als verrückt abzutun. Sie will ihm helfen – und wird so zu einer Kämpferin für exakt jene Liebe, die sie durch ihre Hilfe zu verlieren droht. Während ich Mühe hatte, den Zugang zu Lili zu finden, reichte ein Blick in Gerdas Gesicht, um mich zu Tränen zu rühren. Vikanders ausdrucksstarken Augen zeigen nicht nur Gerdas Konflikte, sondern in ihnen spiegelt sich auch das Schicksal Einars. Eine herausragende Leistung von Frau Vikander – allein sie macht The Danish Girl sehenswert.

Inhaltlich wird der Film vor allem dann interessant, wenn er sich mit der Frage befasst, inwiefern das Geschlecht unsere Persönlichkeit bestimmt. Einar und Gerda vertreten hier unterschiedliche Meinungen. Einar interpretiert Lili als sein wahres Ich; der Mann Einar wird letztlich zu einer Rolle degradiert, die abgeworfen werden muss. Dagegen sagt Gerda: „Ich habe dich geheiratet, nicht Einar!“, wobei das „dich“ auch auf Lili verweist. Hier wird die Möglichkeit einer Liebe aufgetan, die die Geschlechtsumwandlung überdauert. Mit seinem verständlichen Wunsch nach Klarheit zementiert Einar ironischerweise die Geschlechterrollen, während Gerda eine Offenheit zuzulassen bereit ist. Sie sieht in Einar primär einen Menschen, nicht eine geschlechtlich normierte Rolle. 

Auf einer tieferen Ebene wirft der Film ausserdem einen Blick auf das verwickelte Verhältnis zwischen Geist und Körper. Einars Körper ist männlich, sein Geist aber ist weiblich. Dass er sich wie eine Frau kleidet, ist zunächst eine soziale und kulturelle Praxis, die ihm Raum zum Atmen verschafft. An diesem Rollenspiel ist Gerda wesentlich mit beteiligt. Indem sie Einar als Lili portraitiert, gestaltet sie sie. Man könnte sagen, Lili ist eine geistige Schöpfung des Ehepaars Wegeners; eine Schöpfung aber, die bald ihren Tribut einfordert. Die Rolle will Wirklichkeit werden, indem sie sich körperlich manifestiert.

An dieser Stelle kommt die chirurgische Geschlechtsumwandlung ins Spiel, die in den 1920er-Jahren noch in den Kinderschuhen steckt. Sie wird von Einar als einzigen Weg der Selbstwerdung angesehen. Eigentlich eine unglaubliche Sache, wenn man darüber nachdenkt! Bei einem solchen Eingriff tritt die Medizin in den Dienst des Geistes; sie verändert den Körper so, dass er dem persönlichen Empfinden entspricht. Nur: Lässt sich eine solche Umwandlung vollziehen, ohne dass sich der Körper rächt?

Solche Fragen sind es, die The Danish Girl spannend machen. Dagegen sind die Szenen, die offensichtlich den Zeigefinger erheben, kaum erhellend. Besonders die Schlussszene  ist ein Wermutstropfen: Was für ein Klischee! Während der letzten Sekunden habe ich mich unwillig im Kinosessel hin und her gewunden. Dennoch hat Tom Hooper hier einen edlen und berührenden Film gedreht, in dem das Sternchen Alicia Vikander besonders hell leuchtet.

7/10