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Saturday, 10 June 2017

Battle Royale (2000)

Platte Sozialsatire, blutig verpackt

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Im Asien der nicht allzu fernen Zukunft ist das Realität, was Sokrates angeblich schon immer wusste: Die Jugend ist verdorben und respektos. Die Jugendkriminalität hat derart drastische Ausmasse angenommen, dass die Regierung dringend etwas dagegen unternehmen muss. Der Masterplan? Ganz einfach: Man nehme jedes Jahr eine zufällige Schulkasse, entführe sie auf eine abgelegene Insel und lasse sie gegeneinander kämpfen, auf Leben und Tod. Das bringt den kleinen Rackern bestimmt Manieren bei … Na ja, vielleicht auch nicht. Immerhin kann man das Spektakel als Reality Show vermarkten und dabei gehörig Kasse machen.

Battle Royale (2000) geht mit einer Direktheit ans Werk, die einem ein anerkennendes, wenn auch stirnrunzelndes Nicken entlockt. Der Regisseur Kinji Fukasaku (Fukkatsu no hi) verschwendet kaum eine Minute, bis er die Schulkasse mit dem tödlichen Spiel konfrontiert. Der ehemalige Klassenlehrer Kitano führt seelenruhig in die Spielregeln ein: Nur ein Mitglied der Klasse kann überleben, alle anderen müssen sterben. Jeder Schüler erhält eine zufällige Waffe, und los geht’s. Was geschieht? Nach einem anfänglichen Scharmützel raufen sich die Schüler in Grüppchen zusammen und versuchen, der unmenschlichen Ausgangslage zu entkommen – und zwar alle auf ihre je eigene Weise. Einige begehen Suizid, andere versuchen das System zu sabotieren, wieder andere metzeln ihre eigenen Freunde rücksichtslos nieder. Dabei bedient sich Fukasaku einer unverblümten, unaufgeregten Brutalität. Er zeigt uns genau das, was zu erwarten ist: erst hoffnungsloser Widerstand, dann Verrohung und schliesslich Chaos. Fatalistisch scheint der Film auf das zuzusteuern, was Kitano vorgesehen hat: auf das Überleben eines Einzelnen, der seinen Sieg bitter und unmoralisch erkämpft hat.

Das Geschehen nimmt sich aus wie eine pointierte, plakative Version von William Goldings Roman Lord of the Flies (1954). Kann uns Battle Royale etwas Neues bieten? Kaum. Explizite Gewalt ist kein Ersatz für tiefe Emotionen. Und Tiefe fehlt diesem Film tatsächlich, auch wenn er uns mit diversen surrealen Sequenzen etwas anderes vorgaukeln will. Eine Mediensatire ist Battle Royale nicht länger als fünf Minuten lang, und als Gesellschaftssatire ist das Gezeigte zu durchschaubar. Man kann es niemandem verdenken, der nach dem Film schulterzuckend fragt: „Und nu’?“ Interessant ist allenfalls die psychische Verfassung des Klassenlehrers Kitano (wunderbar flapsig gespielt von Takeshi Kitano), der im Zentrum einiger Szenen steht, die von Park Chan-wook (Oldboy, Lady Vengeance) hätten gedreht werden können. Aber die Symbolik dieser traumartigen Szenen ist neblig, und Kitanos Motive bleiben entsprechend undurchsichtig.

Battle Royale punktet vor allem mit seinem Unterhaltungswert. Es ist packend, der blutigen Selbstzerstörung der Klasse beizuwohnen. Fukasakus Inszenierung ist grundsolide, vor allem bei den Actionszenen – die übrigens gar nicht so schockierend sind, wie manchmal suggeriert wird. Fukasaku tut sein Möglichstes, um die Schüler nicht auf Kanonenfutter zu reduzieren. Dass er an dieser Aufgabe scheitert, ist nicht ihm anzulasten, sondern dem überladenen Plot. Man mag einwenden, dass die Pointe ja gerade darin bestehe, die 42 Schüler auch auf filmischer Ebene zu instrumentalisieren. Das kann aber nicht stimmen, da sich Fukasaku durchaus um emotionale Zugänglichkeit bemüht. Battle Royale ist keine nihilistische Zuschauerfolter à la Die 120 Tage von Sodom. Es handelt sich um ein Action-Thriller mit zynischer Prämisse, in dem sich zuletzt – und allen Befürchtungen zum Trotz – Zuversicht einstellt. Es ist eine Zuversicht, die letztlich fast naiv wirkt – und Battle Royale als Unterhaltungsfilm ausweist, der mehr sein will, aber nicht mehr sein kann.

Was bleibt? Eine Schulkasse, die sich selbst zerfleischt. Eine vielversprechende Prämisse, spannend umgesetzt. Für einen kurzweiligen Filmabend reicht das. Aber die Idee hätte wesentlich mehr hergegeben. Wen das Thema „Krieg im japanischen Klassenzimmer“ interessiert, ist mit Tetsuya Nakashimas vielschichtigem Psychogramm Confessions (2010) besser bedient.

6/10

Monday, 3 April 2017

Ringu (1998)

Schleichender Grusel aus der Videokassette

Ein Fluch geht um in Japan. Genauer gesagt eine Videokassette. Wer sie sich ansieht, soll nach sieben Tagen sterben. So sagt man zumindest. Die Journalistin Reiko (Nanako Matsushima) will den Gerüchten auf den Grund gehen und macht die Kassette ausfindig. Sie wagt es: Sie schaut sich den sonderbaren Film darauf an. Und muss plötzlich um ihr eigenes Leben bangen. Subtil bedrohliche Zeichen mehren sich. Ein Telefon klingelt, doch am anderen Ende herrscht Schweigen. Auf Fotografien erscheint Reikos Gesicht plötzlich verzerrt. Zusammen mit ihrem Ex-Mann Ryuji (Hiroyuki Sanada) versucht sie, das Unheil abzuwenden. Sie sucht nach dem Ursprung der Kassette. Doch ist sie bereit für das, was in der Vergangenheit lauert?

In Gruselgeschichten wimmelt es von verfluchten Objekten. Wir denken an Amulette, Puppen oder Bücher; alles Dinge, die aus dem Dachboden eines verlassenen Hauses geborgen werden können. Doch auch moderne, vertraute Gegenstände werden mitunter zum Zentrum unseres Grauens. So etwa der Fernseher in Tobe Hoopers Poltergeist (1982). Doch nirgendwo ist der Techno-Horror effektiver, als im japanischen Kino: Tetsuo (1989) verwandelt seinen Protagonisten zur Maschine und Pulse (2001) vergegenwärtigt uns die Einsamkeit des Menschen im digitalen Zeitalter. Die grösste Ikone des japanischen Techno-Horrors dürfte allerdings Hideo Nakatas Ringu (1998) sein. Wird der Film seinem Kultstatus gerecht?

In der ersten Hälfte kommt Ringu recht unaufgeregt daher, ist eher Detective Mystery als Horror. Nakata verwendet viel Zeit darauf, in die Charaktere und die Hintergründe einzuführen. Akzente werden durch schrille Soundeffekte und leise Seltsamkeiten gesetzt. Die Kamera ist grösstenteils zurückhaltend, insbesondere dann, wenn sie die journalistischen Recherchen Reikos einfängt. Hier hat man zuweilen das Gefühl, einer mediokren Krimiserie zu folgen. Dieser realistische, kühle Ton lässt den Film zuweilen langatmig erscheinen. Die stilistische Ruhe sorgt dafür, dass die übernatürlichen Szenen umso stärker wirken. Dennoch wünscht man sich zuweilen, das Drehbuch wäre etwas straffer.

Ringu ist ein hintersinniger Meta-Film, der sich selbst zum Gegenstand des Horrors macht. Denn Nakata zeigt das verfluchte Video direkt. So werden die Zuschauer selbst Zeugen des todbringenden Filmmaterials. Natürlich glauben wir nicht ernsthaft daran, dass wir nach der Sichtung von Ringu sterben könnten. Aber sobald die Idee in unseren Köpfen ist, lässt sie sich nicht so leicht verscheuchen. Zumal das böse Omen äusserst profan ist: Wenn der Fluch seine Wirkung zeigt, klingelt das Telefon. Da zuckt man doch nervös auf, wenn man das nächste Mal einen Anruf erhält … Das alles sind äusserst effektive Kniffe, die das Gruseln mühelos ins echte Leben tragen. Das verfluchte Video ist schon für sich genommen gespenstisch genug: schwarz-weiss, surreal, unverständlich. Da stehen die Nackenhaare zu Berge.

In der zweiten Hälfte zieht Ringu deutlich die Spannungsschraube an. Reiko und Ryuji dringen immer tiefer ins ins Herz der Finsternis, decken die Ursache des Fluches auf und landen in einem Wettlauf gegen die Zeit. Hier finden sich die spektakulärsten Stellen des Filmes: sie sind spannungsvoll und bedrückend. Grandios ist die Szene, in der das ehemalige Paar in einen Brunnen steigt und ihn ausschöpft. (Ehrlich, im Kontext des Plots ergibt das einen Sinn. Aber Spoiler sind böse. Deshalb: Pssst.) Ihre Verzweiflung und Erschöpfung sind mit Händen greifbar. Meisterlich inszeniert von Nakata. 

So zermürbend ist die Brunnen-Sequenz, dass sie sogar die Schlussszene in den Schatten stellt. Jene Szene, in der sich der Fluch im wahrsten Sinne des Wortes manifestiert. Jene Szene, die es in den Kanon der Popkultur geschafft hat. Mittlerweile wurde sie fleissig parodiert und reproduziert, nicht nur zu ihrem Nutzen. Der letzte Schocker von Ringu muss wohl als Klassiker des modernen Horrorfilms angesprochen werden. Aber leider verliert sie nach jeder neuen Sichtung an Kraft. Wahrscheinlich deswegen, weil die Szene eher theoretisch, als filmisch interessant ist. Wenn die Pointe draussen ist, ist sie draussen. Beim zweiten Mal will sich der Schock nicht mehr so recht einstellen. Ja, das Ende bewegt sich fast an der Grenze des unfreiwillig Komischen. (Gerade beim J-Horror liegen das Lachhafte und das Verstörende zuweilen nahe beieinander.) Trotzdem: Beim ersten Mal haut das Ende schon rein. Mindestens einmal muss man es sich geben. 

Ringu ist ein edler Gruselfilm mit modernen Ideen und intelligenter Prämisse, der sich zu Beginn viel Zeit lässt, gegen Ende aber die richtigen Töne trifft. Vergleicht man ihn mit anderen Klassikern des J-Horrors, fällt er etwas ab. Leider kann man Ringu kein Meisterwerk nennen: Zu abhängig ist Nakata von der einen Schlussszene, zu träge schreitet der Plot voran, zu blass wirkt die Hintergrund-Geschichte der Kassette, und zu überhastet ist der allerletzte Twist. Trotzdem eignet sich Ringu vorzüglich als Einstieg in die asiatische Welt des Grusels. Das Setting ist zugänglich, die Grundidee packend, das Mysterium fesselnd. Aber Achtung: Das Teil kann eine Röhrenfernseher-Phobie verursachen. Na ja, glücklicherweise gibt es davon nicht mehr allzu viele.

8/10

Saturday, 20 February 2016

Stoker (2013)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Überstilisierter, morbider Horror-Thriller über eine gefühlsleere Familie

Richard Stoker ist tot; und niemand weiss so recht, weshalb. Fest steht nur, dass seine Ehefrau Evelyn (Nicole Kidman) und seine Tochter India (Mia Wasikowska) nurmehr zu zweit im noblen Stoker-Anwesen leben. Nach der Beerdigung des Familienvaters nistet sich jemand Drittes im Hause ein: Charles Stoker (Matthew Goode), Richards mysteriöser Bruder. Anfangs zeigt India ihrem charismatischen Onkel die eiskalte Schulter, zumal sie eine Affäre zwischen ihm und Evelyn vermutet. Doch die Dinge sind anders, als sie scheinen, denn die Familie Stoker verbirgt so einige dunkle Geheimnisse …

Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook (Oldboy; I'm a Cyborg, But That's OK) ist ein grandioser Stilist des Morbiden. Sein Talent stellt er auch in der vorliegenden, englischsprachigen Produktion Stoker unter Beweis. Der Film beginnt bereits auffällig mit schiefen Kamera-Einstellungen und scheinbar unmotivierten Freeze Frames. Das Stoker-Anwesen und der umliegende Garten wirken bedrückend und kalt, wenn auch faszinierend in ihrer düsteren Noblesse.

Mia Wasikowska (Alice in Wonderland, 2010) als India Stoker ist wie ein schlafender Vulkan, der kurz davor ist, auszubrechen. Sie entspricht dem Klischee des zugeknöpften, doch anziehenden Mauerblümchens. Der Gefühlsleere im Äusseren entspricht ein Brodeln im Innern. Wasikowska bringt den Spannungsbogen ihrer Figur subtil und gleichzeitig kraftvoll zur Darstellung. Matthew Goodes (Watchmen, The Imitation Game) Leistung als Charles Stoker ist nicht weniger beeindruckend: Den weltgewandten Schönling nimmt man ihm ebenso mühelos ab wie den unberechenbaren Weirdo. Leider hat Nicole Kidman (Dogville, The Others) kaum Gelegenheit, wirklich zu glänzen; sie mimt die anhängliche und verletzliche Dame des Hauses aber anstandslos.

Sieht man von einzelnen visuellen Leckerbissen ab, bleibt die Inszenierung Parks überraschend bodenständig. Trotzdem weist Stoker durchaus den ein oder anderen „Was zur Hölle war das denn bitteschön?“-Moment auf. Solche Momente ergeben sich diesmal nicht unbedingt aus surrealen Bildern, sondern vor allem aus dem Inhalt, der von Minute zu Minute stärker in die perverse Erotik abdriftet. Diese Perversität hat nicht nur mit den latent inzestuösen Geschehnissen im Hause Stoker zu tun; sie ist insbesondere der Tatsache geschuldet, dass Park das sexuelle Erwachen Indias eng an Gewalt und Tod knüpft. Die Schlüsselstelle dieses Filmes ist eine verstörende Masturbations-Szene, die keineswegs Ausdruck der Lust, sondern vielmehr Ausbruch der Verzweiflung ist.

Es ist denn auch diese Szene, die den letzten Akt von Stoker einläutet; und der ist keine leichte Kost. Die Taten der drei Hauptfiguren werden zusehends fragwürdiger; und zwar nicht nur moralisch (mit Moral hat dieser Film gar nichts am Hut), sondern emotional. Eine Identifikation mit den Stokers ist zuletzt kaum mehr möglich. Besonders die Charakterentwicklung Indias wird inhaltlich nur unzulänglich ausgeleuchtet, sodass sich der Zuschauer mit der Symbolik des Filmes behelfen muss. Diese fällt teilweise leider etwas flach aus, namentlich wenn es darum geht, Indias verlorene Unschuld darzustellen. Stoker spricht äusserst interessante Themen an: apathische Grausamkeit, familiäre Abhängigkeiten, unwilliges Erwachsen-Werden, sexuelle Frigidität und grüblerische Einsamkeit. Alles dies gipfelt in einem zwar ungewöhnlichen, doch unzugänglichen Finale.

Stoker ist besonders dann interessant, wenn er die Grenzen der morbiden Erotik auslotet. Hier macht sich ein ganz eigener Grusel breit. Stilistisch überspannt Park manchmal merklich den Bogen. Trotzdem: Dieser Film ist ein Fest für die Sinne, ein elegant-düsteres Familienportrait und eine unterkühlte Charakterstudie. Die enigmatische India Stoker hat das Zeug dazu, eine ikonische Figur des Horror-Genres zu werden. Aber dafür müssen wir wohl noch ein paar Jährchen warten. Denn für die Familie Stoker erwärmt man sich nicht von heute auf morgen.

8/10

Saturday, 6 February 2016

Only God Forgives (2013)

(Stil * Suspense * Nonsens) – Inhalt

Julian (Ryan Gosling) betreibt einen Boxclub in Bangkok, doch das wirkliche Geschäft macht er mit Drogenhandel. Eines Tages wird Julians Bruder durch die Anweisung des Polizisten Chang (Vithaya Pansringarm) ermordet. Voller Blutdurst reist die Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) nach Bangkok. Ihr jüngerer Sohn Julian soll den Tod ihres Lieblings rächen. Dieser zögert anfangs noch, doch nach und nach gerät er in eine Spirale sinnloser Gewalt.

Only God Forgives: Diesen Film also lässt der Däne Nicolas Winding Refn auf seinen Erfolg Drive folgen. Vor zwei Jahren wurde er in Cannes noch als bester Regisseur geehrt, dieses Jahr zeigt sich die Kritik bestenfalls verständnislos, wenn nicht gar feindselig. Verwundern tut’s nicht, ist doch Only God Forgives ein Kinoerlebnis, das sich bewusst quer stellt. Refn treibt die emotionale Leere, die sich auch in Drive zeigt, konsequent auf die Spitze. Gesprochen wird fast überhaupt nicht. Ryan Gosling (schon in »Drive« nicht der Redseligste) und Vithaya Pansringarm (Till We Meet Again) starren minutenlang in die Kamera, als gälte es eine Wette zu gewinnen: Wer schaut apathischer aus der Wäsche? Zum Glück ist da noch Kristin Scott Thomas (The English Patient), die als zickige Mama gehörig die Zähne fletscht und das Schweigen mit einigen coolen One-Linern unterbricht.

Zwischen die Phasen des Wartens drängen sich immer mal wieder heftige Gewalt-Ausbrüche, die einen kurz aufschrecken lassen, aber weit davon entfernt sind, Aha-Momente zu liefern. Meist ohne erkennbare Motivation werden Leute gefoltert, verstümmelt und abgemetzelt. Diese Szenen sind überstilisiert und sinnentleert: Es gibt keinen Grund für die Gewalt, aber sie setzt immer wieder ein, als ginge es nicht anders, als könne oder wolle man nicht dagegen ankämpfen. Schön und gut. Nur muss sich Refn die Frage gefallen lassen: Und nu’?

Gute Kunst lässt dem Zuschauer Raum, das ist wahr. Aber Refns Raum ist leer und bedeutungslos. Er will ein vielsagendes Schweigen beschwören, ohne dass er etwas zu sagen hätte. Freilich lädt Only God Forgives dazu ein, Julian einen Ödipus-Komplex zuzuschreiben, und natürlich könnte man allerhand Tiefgründiges in den Film hinein dichten. Aber warum sollte man? Dafür gibt uns Refn zu wenig Anhaltspunkte und zu wenig Faszination. Teilweise sind die ach-so-tiefgründigen Szenen sogar (unfreiwillig) komisch.

Only God Forgives ist gefährlich nah dran, vermessener, selbstverliebter Schwachsinn zu sein. Was den Film rettet, sind seine formalen Qualitäten. Wie Refn trotz völliger Inhaltsleere die Spannung hoch hält, das ist schon bemerkenswert. Hier wird virtuos mit der Geduld des Zuschauers gespielt. Immer wieder sitzt man frustriert da, und doch bleibt die Frage: Wie geht’s weiter? Hat die ganze Sache vielleicht nicht doch einen Sinn? Am deutlichsten zeigt sich das am Ende des Films, das eine Auflösung oder Pointe suggeriert, diese Erwartung aber enttäuscht und offen legt: Es gibt nichts zu sagen. Rein gar nichts.

So wirkt das Ganze fast wie ein abstraktes Kunstwerk: Stil mal Suspense mal Nonsens minus Inhalt. Only God Forgives ist eine formale Fingerübung, und die Zuschauer sind Refns Versuchskaninchen. Muss man sich das antun? Nein. Aber man kann. Wenn man weiss, worauf man sich einlässt.

6/10

127 Hours (2010)

Filmisches Wagnis, das inhaltlich dünn bleibt und sich stilistisch übernimmt

Aron Ralston (James Franco) ist ein Adrenalin-Junkie. Er sucht das Abenteuer, die Geschwindigkeit und die Wildnis mitsamt ihrer Schönheit und Gefahr. Eines Morgens verlässt er seine Wohnung, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Mit dem Fahrrad stromert Aron durch die Ödnis. Zu Fuss erforscht er Canyons und erfrischt sich in Untergrund-Seen. Bis es passiert: Bei einer ungefährlich scheinenden Kletterpartie löst sich ein Fels und landet auf Arons Arm. Er steckt fest, mitten im Nirgendwo. Die Aussenwelt kann er nicht benachrichtigen. So beginnt ein Überlebenskampf, der Aron bis zum Äussersten treibt …

Ein Film, der zu neunzig Prozent an einem einzigen Schauplatz spielt, ist ein Wagnis. Danny Boyle (Slumdog Millionaire, 28 Days Later...) hat sich der Herausforderung angenommen. Leider kann das Resultat 127 Hours nicht in allen Belangen überzeugen.

Was einem zuerst ins Auge fällt, ist die nervöse und überstilisierte Inszenierung der Geschehnisse. Während der Opening Credits splittet Boyle das Bild in drei Teile, in denen jeweils etwas anderes geschieht – oder dasselbe, nur aus einer anderer Perspektive. Auf diese Dreiteilung wird später erneut zurück gegriffen: Ein unnötiger Kniff, der wohl der Angst geschuldet ist, das Publikum zu langweilen. Überhaupt sorgt der simple Plot dafür, dass Boyle die Form über den Inhalt stellt. Das heisst, er sucht immer wieder neue, interessante Einstellungen, um den Zuschauer bei Stange zu halten. Auch Arons Träume und Halluzinationen scheinen diesem Zweck zu dienen.

Dass diese Abstecher in Arons Phantasie besonders tiefgründig sind, lässt sich jedenfalls nicht behaupten. Arons Träumereien drehen sich um seine Freunde, seine Eltern und um eine verflossene Jugendliebe. Alle drei Themen bleiben visuell, sie sind Platzhalter (man ist versucht zu sagen: Klischees), in die überhaupt nicht weiter eingedrungen wird. Das macht Aron letztlich zu einer langweiligen Figur, die fast nur ein Merkmal aufzuweisen hat: Waghalsigkeit. Waghalsigkeit, die er im Verlaufe der titelgebenden 127 Stunden zu hinterfragen beginnt – auch das nicht das originellste Motiv unter der Sonne. Ebenso wenig wie die Botschaft, dass man in Extremsituationen zu extremen Handlungen fähig ist.

Auf der Plus-Seite hat 127 Hours in der Hauptrolle einen überzeugenden James Franco vorzuweisen, dem man noch mehr zu tun hätte geben können. Die besten Szenen des Filmes sind diejenigen, in denen Franco sich sinnierend an sein Video-Tagebuch wendet. Grandios ist zum Beispiel der zynische Dialog, den Aron mit sich selbst führt. Hier wird die Figur mit Leben gefüllt. Mehr davon hätte es gebraucht, nicht die x-te Traumszene, die einem Tiefe vorgaukelt.

Vielleicht wäre hier weniger tatsächlich mehr gewesen. Soll heissen: Fokus auf die hoffnungslose und zermürbende Ausgangssituation, kein Rückzug in Bild-Spielereien. Trotzdem gibt es Szenen, die absolut überzeugen. Wenn die Kamera immer weiter nach oben zieht und immer mehr von der unendlichen Einöde offenbart, um Arons völlige Verlorenheit zu zeigen, dann ist das schon überwältigend. Und Arons allerletzter Befreiungsversuch ist von einer kompromisslosen Heftigkeit, die so einige aufrütteln dürfte.

Man muss Danny Boyle zugute halten, dass er es geschafft hat, der einfachen Prämisse eine einnehmende Spannungskurve zu knüpfen. Andererseits sind Thematik und Botschaft von 127 Hours zu dünn, als dass der Film mehr wäre, als eine gradlinige Abenteuer-Geschichte. Eine Abenteuer-Geschichte, die ein Abgleiten in die Pathetik stellenweise nicht verhindern kann. Darüber täuschen auch die zwei, drei wirklich intensiven Szenen nicht hinweg. 

5/10

Friday the 13th (1980)

Spannender, plumper Pionierfilm des Slasher-Genres

Steve Christy (Peter Brouwer) heuert eine Handvoll Jugendliche an, um das Ferienlager Crystal Lake auf Vordermann zu bringen. In einer Woche soll das Camp seine Tore öffnen. Wie jeder andere aus dem Dorf weiss auch Christy, dass Crystal Lake keinen guten Ruf hat: Vor Jahren ist im See ein Junge ertrunken, und einige mysteriöse Tode haben sich auf dem Gelände ereignet. Als die sorglosen Jugendliche anreisen, ahnen sie nichts von den üblen Vorzeichen …

Sean Cunninghams Friday the 13th ist ein Slasher-Film, wie er im Buche steht. Alles ist da: von der Aussenwelt isolierte Jugendliche, ein irrer Massenmörder und blutige Todesszenen. Ob sich Cunningham und sein Drehbuchautor Victor Miller damit ein Denkmal gesetzt haben, auf das sie stolz sein können, ist sicher streitbar. Die verstrichene Zeit hat dem Film jedenfalls nicht gut getan. Nach der gefühlt tausendsten Aufbereitung dieses klassischen Schemas weicht die Spannung eben unweigerlich, und wir fühlen uns übersättigt.

Andererseits muss man zugeben, dass Cunninghams Inszenierung stellenweise mitten ins Schwarze trifft. Nach dem zähen Beginn nimmt die Handlung immer mehr Fahrt auf und enthüllt einige durchaus überraschende Schock-Momente. Die Atmosphäre des Films kommt vor allem durch den billigen, geerdeten Look zustande. In atmosphärischer Hinsicht muss sich Friday the 13th allerdings klar hinter anderen Genre-Pionieren wie Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre (1974) und John Carpenters Halloween (1978) einreihen. Mit ein bisschen mehr Blut ist es dann doch nicht getan … Wo die beiden genannten Filme ernst und beunruhigend waren, setzt Cunningham tendenziell eher auf makabere Plumpheit. Der Voyeurismus ist hier jedenfalls schon angelegt.

Da reissen die letzten zwanzig Minuten noch Einiges heraus. Die Begegnung mit dem Killer ist definitiv Höhepunkt des Films. Ganz am Ende serviert uns Miller dann noch so etwas wie einen Twist. Das ändert allerdings nicht viel: Friday the 13th ist und bleibt ein dreckiger, derber und platter Horrorfilm. Als solcher ist er ziemlich effektiv: Suspense kann man dem Streifen nicht absprechen. Trotzdem gab es Regisseure vor Cunningham, die mehr Fingerspitzengefühl und Klasse bewiesen haben. Hier gibt’s einfach eine mitten in die Fresse. Das mag auch seinen Reiz haben, nur der Wiederschauwert hält sich in Grenzen.

6/10