Filmisches Wagnis, das inhaltlich dünn bleibt und sich stilistisch übernimmt
Aron Ralston (James Franco) ist ein Adrenalin-Junkie. Er sucht das Abenteuer, die Geschwindigkeit und die Wildnis mitsamt ihrer Schönheit und Gefahr. Eines Morgens verlässt er seine Wohnung, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Mit dem Fahrrad stromert Aron durch die Ödnis. Zu Fuss erforscht er Canyons und erfrischt sich in Untergrund-Seen. Bis es passiert: Bei einer ungefährlich scheinenden Kletterpartie löst sich ein Fels und landet auf Arons Arm. Er steckt fest, mitten im Nirgendwo. Die Aussenwelt kann er nicht benachrichtigen. So beginnt ein Überlebenskampf, der Aron bis zum Äussersten treibt …
Ein Film, der zu neunzig Prozent an einem einzigen Schauplatz spielt, ist ein Wagnis. Danny Boyle (Slumdog Millionaire, 28 Days Later...) hat sich der Herausforderung angenommen. Leider kann das Resultat 127 Hours nicht in allen Belangen überzeugen.
Was einem zuerst ins Auge fällt, ist die nervöse und überstilisierte Inszenierung der Geschehnisse. Während der Opening Credits splittet Boyle das Bild in drei Teile, in denen jeweils etwas anderes geschieht – oder dasselbe, nur aus einer anderer Perspektive. Auf diese Dreiteilung wird später erneut zurück gegriffen: Ein unnötiger Kniff, der wohl der Angst geschuldet ist, das Publikum zu langweilen. Überhaupt sorgt der simple Plot dafür, dass Boyle die Form über den Inhalt stellt. Das heisst, er sucht immer wieder neue, interessante Einstellungen, um den Zuschauer bei Stange zu halten. Auch Arons Träume und Halluzinationen scheinen diesem Zweck zu dienen.
Dass diese Abstecher in Arons Phantasie besonders tiefgründig sind, lässt sich jedenfalls nicht behaupten. Arons Träumereien drehen sich um seine Freunde, seine Eltern und um eine verflossene Jugendliebe. Alle drei Themen bleiben visuell, sie sind Platzhalter (man ist versucht zu sagen: Klischees), in die überhaupt nicht weiter eingedrungen wird. Das macht Aron letztlich zu einer langweiligen Figur, die fast nur ein Merkmal aufzuweisen hat: Waghalsigkeit. Waghalsigkeit, die er im Verlaufe der titelgebenden 127 Stunden zu hinterfragen beginnt – auch das nicht das originellste Motiv unter der Sonne. Ebenso wenig wie die Botschaft, dass man in Extremsituationen zu extremen Handlungen fähig ist.
Auf der Plus-Seite hat 127 Hours in der Hauptrolle einen überzeugenden James Franco vorzuweisen, dem man noch mehr zu tun hätte geben können. Die besten Szenen des Filmes sind diejenigen, in denen Franco sich sinnierend an sein Video-Tagebuch wendet. Grandios ist zum Beispiel der zynische Dialog, den Aron mit sich selbst führt. Hier wird die Figur mit Leben gefüllt. Mehr davon hätte es gebraucht, nicht die x-te Traumszene, die einem Tiefe vorgaukelt.
Vielleicht wäre hier weniger tatsächlich mehr gewesen. Soll heissen: Fokus auf die hoffnungslose und zermürbende Ausgangssituation, kein Rückzug in Bild-Spielereien. Trotzdem gibt es Szenen, die absolut überzeugen. Wenn die Kamera immer weiter nach oben zieht und immer mehr von der unendlichen Einöde offenbart, um Arons völlige Verlorenheit zu zeigen, dann ist das schon überwältigend. Und Arons allerletzter Befreiungsversuch ist von einer kompromisslosen Heftigkeit, die so einige aufrütteln dürfte.
Man muss Danny Boyle zugute halten, dass er es geschafft hat, der einfachen Prämisse eine einnehmende Spannungskurve zu knüpfen. Andererseits sind Thematik und Botschaft von 127 Hours zu dünn, als dass der Film mehr wäre, als eine gradlinige Abenteuer-Geschichte. Eine Abenteuer-Geschichte, die ein Abgleiten in die Pathetik stellenweise nicht verhindern kann. Darüber täuschen auch die zwei, drei wirklich intensiven Szenen nicht hinweg.
5/10
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