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Sunday, 25 June 2017

The Woman in Black (2012)

Sympathische Geisterbahn für Horror-Nostalgiker

Armer Arthur Kipps. Der alleinerziehende Vater wird von seiner Anwaltskanzlei in die Pampa geschickt, um dort einen mühseligen Auftrag zu erledigen. Die Papiere der verstorbenen Alice Drablow müssen gesichtet werden. Kipps wird angedroht, dass dies seine letzte Chance sei: Erfolg oder Entlassung. So muss er seinen Sohn in London zurücklassen, in das abgeschiedene Dorf Crythin Gifford reisen, sich dort mit den übellaunigen Bewohnern herumschlagen und in einem klassischen Gruselhaus namens Eel Marsh Akten wälzen. Da kann bestimmt nichts schief gehen. Nur’n Scherz: Natürlich geht alles ganz gründlich schief. Im Dorf sterben plötzlich Kinder unter mysteriösen Umständen, und Kipps scheint von einer Frau in Schwarz verfolgt zu werden. Was steckt dahinter? Verschwörung oder waschechter Fluch? Kipps nimmt all seinen Mut zusammen, um der Sache auf den Grund zu gehen …

The Woman in Black beginnt mit einer Irritation. „Ist das Daniel Radcliffe alias Harry Potter, der da den jungen Vater gibt?“, fragt man sich. Ja, er ist es tatsächlich. Und leider tut er sich schwer, wirklich in die Rolle zu finden. Sein Arthur Kipps bleibt blass, was auch am Drehbuch liegen mag, das unserem Protagonisten kaum Ecken und Kanten gibt. Er ist halt der Typ, der das verfluchte Haus untersuchen muss. Und das genügt auch. Denn Eel Marsh ist ein echtes Prachtexemplar unter den Gespensterhäusern. Es ist alt, zwielichtig und geheimnisvoll.

Der Regisseur James Watkins (Eden Lake 2008) zieht alle Register des wohligen Grusels. Die Einleitung ist klassisch: Ein Fremdling muss sich mit abweisenden und scheinbar abergläubischen Dorfbewohnern arrangieren, bis er schliesslich das Haus betreten darf. Dieses liegt abgeschieden auf einem Moor, das nachts von der Flut überschwemmt wird. Im Haus wird’s ernst: Hier jagt Watkins seinen Protagonisten von einem Jumpscare zum nächsten, fast wie in einer Geisterbahn auf dem Jahrmarkt. Das vermag zu unterhalten, denn die Schockmomente sind gekonnt gesetzt. Dazwischen gibt es immer wieder langsamere Passagen, in denen Kipps dem Mysterium auf die Schliche kommt. Auch der subtile Horror kommt nicht zu kurz; die titelgebende Frau in Schwarz schleicht Schritt für Schritt in den Fokus des Filmes. Wenn die ersten, etwas zähen dreissig Minuten überwunden sind, wird die Dramaturgie knackig und effektiv.

Visuell bietet uns The Woman in Black einige Leckerbissen. Die weitläufigen Aufnahmen übers Moor sind phänomenal, und das Geisterhaus wunderbar atmosphärisch. Wer endlich mal wieder einen stilvollen Geisterfilm schauen will, dürfte mit diesem hier bestens bedient sein. Genrefans werden aber bald feststellen, dass Watkins munter jedes erdenkbare Horror-Klischee abgrast: leblose Puppen, wippende Schaukelstühle, knarrende Türen, diffuse Schatten; die Liste ist endlos. Das hieraus gefertigte Gänsehaut-Patchwork ist zwar mitreissend, aber nur wenig originell. Irgendwie und irgendwo hat man das alles schon gesehen. Dass Anwalt Kipps nicht die charismatischste und tiefgründigste Figur ist, kommt erschwerend hinzu.

Und doch: Es ist erfrischend zu sehen, dass ein traditioneller Grusler – noch dazu von der legendären Produktionsfirma Hammer (The Curse of Frankenstein 1957, Dracula 1958 und The Mummy 1959) – auch heute noch gut funktionieren kann. So kann man sich denn auch mit den zahlreichen Klischees versöhnen: Sie machen den Film sympathisch rückwärtsgewandt, zumal sie nett zusammen geschustert sind. The Woman in Black ist ein ungeschickter, aber charismatischer Liebesbrief an Horror-NostalgikerInnen: Er verfolgt moderne Ansätze, bleibt im Kern aber konservativ. Das wird niemanden umhauen. Aber für eine Sichtung am heimischen Bildschirm reicht’s – am besten dann, wenn’s draussen ordentlich stürmt. 

7/10

Monday, 3 April 2017

Ringu (1998)

Schleichender Grusel aus der Videokassette

Ein Fluch geht um in Japan. Genauer gesagt eine Videokassette. Wer sie sich ansieht, soll nach sieben Tagen sterben. So sagt man zumindest. Die Journalistin Reiko (Nanako Matsushima) will den Gerüchten auf den Grund gehen und macht die Kassette ausfindig. Sie wagt es: Sie schaut sich den sonderbaren Film darauf an. Und muss plötzlich um ihr eigenes Leben bangen. Subtil bedrohliche Zeichen mehren sich. Ein Telefon klingelt, doch am anderen Ende herrscht Schweigen. Auf Fotografien erscheint Reikos Gesicht plötzlich verzerrt. Zusammen mit ihrem Ex-Mann Ryuji (Hiroyuki Sanada) versucht sie, das Unheil abzuwenden. Sie sucht nach dem Ursprung der Kassette. Doch ist sie bereit für das, was in der Vergangenheit lauert?

In Gruselgeschichten wimmelt es von verfluchten Objekten. Wir denken an Amulette, Puppen oder Bücher; alles Dinge, die aus dem Dachboden eines verlassenen Hauses geborgen werden können. Doch auch moderne, vertraute Gegenstände werden mitunter zum Zentrum unseres Grauens. So etwa der Fernseher in Tobe Hoopers Poltergeist (1982). Doch nirgendwo ist der Techno-Horror effektiver, als im japanischen Kino: Tetsuo (1989) verwandelt seinen Protagonisten zur Maschine und Pulse (2001) vergegenwärtigt uns die Einsamkeit des Menschen im digitalen Zeitalter. Die grösste Ikone des japanischen Techno-Horrors dürfte allerdings Hideo Nakatas Ringu (1998) sein. Wird der Film seinem Kultstatus gerecht?

In der ersten Hälfte kommt Ringu recht unaufgeregt daher, ist eher Detective Mystery als Horror. Nakata verwendet viel Zeit darauf, in die Charaktere und die Hintergründe einzuführen. Akzente werden durch schrille Soundeffekte und leise Seltsamkeiten gesetzt. Die Kamera ist grösstenteils zurückhaltend, insbesondere dann, wenn sie die journalistischen Recherchen Reikos einfängt. Hier hat man zuweilen das Gefühl, einer mediokren Krimiserie zu folgen. Dieser realistische, kühle Ton lässt den Film zuweilen langatmig erscheinen. Die stilistische Ruhe sorgt dafür, dass die übernatürlichen Szenen umso stärker wirken. Dennoch wünscht man sich zuweilen, das Drehbuch wäre etwas straffer.

Ringu ist ein hintersinniger Meta-Film, der sich selbst zum Gegenstand des Horrors macht. Denn Nakata zeigt das verfluchte Video direkt. So werden die Zuschauer selbst Zeugen des todbringenden Filmmaterials. Natürlich glauben wir nicht ernsthaft daran, dass wir nach der Sichtung von Ringu sterben könnten. Aber sobald die Idee in unseren Köpfen ist, lässt sie sich nicht so leicht verscheuchen. Zumal das böse Omen äusserst profan ist: Wenn der Fluch seine Wirkung zeigt, klingelt das Telefon. Da zuckt man doch nervös auf, wenn man das nächste Mal einen Anruf erhält … Das alles sind äusserst effektive Kniffe, die das Gruseln mühelos ins echte Leben tragen. Das verfluchte Video ist schon für sich genommen gespenstisch genug: schwarz-weiss, surreal, unverständlich. Da stehen die Nackenhaare zu Berge.

In der zweiten Hälfte zieht Ringu deutlich die Spannungsschraube an. Reiko und Ryuji dringen immer tiefer ins ins Herz der Finsternis, decken die Ursache des Fluches auf und landen in einem Wettlauf gegen die Zeit. Hier finden sich die spektakulärsten Stellen des Filmes: sie sind spannungsvoll und bedrückend. Grandios ist die Szene, in der das ehemalige Paar in einen Brunnen steigt und ihn ausschöpft. (Ehrlich, im Kontext des Plots ergibt das einen Sinn. Aber Spoiler sind böse. Deshalb: Pssst.) Ihre Verzweiflung und Erschöpfung sind mit Händen greifbar. Meisterlich inszeniert von Nakata. 

So zermürbend ist die Brunnen-Sequenz, dass sie sogar die Schlussszene in den Schatten stellt. Jene Szene, in der sich der Fluch im wahrsten Sinne des Wortes manifestiert. Jene Szene, die es in den Kanon der Popkultur geschafft hat. Mittlerweile wurde sie fleissig parodiert und reproduziert, nicht nur zu ihrem Nutzen. Der letzte Schocker von Ringu muss wohl als Klassiker des modernen Horrorfilms angesprochen werden. Aber leider verliert sie nach jeder neuen Sichtung an Kraft. Wahrscheinlich deswegen, weil die Szene eher theoretisch, als filmisch interessant ist. Wenn die Pointe draussen ist, ist sie draussen. Beim zweiten Mal will sich der Schock nicht mehr so recht einstellen. Ja, das Ende bewegt sich fast an der Grenze des unfreiwillig Komischen. (Gerade beim J-Horror liegen das Lachhafte und das Verstörende zuweilen nahe beieinander.) Trotzdem: Beim ersten Mal haut das Ende schon rein. Mindestens einmal muss man es sich geben. 

Ringu ist ein edler Gruselfilm mit modernen Ideen und intelligenter Prämisse, der sich zu Beginn viel Zeit lässt, gegen Ende aber die richtigen Töne trifft. Vergleicht man ihn mit anderen Klassikern des J-Horrors, fällt er etwas ab. Leider kann man Ringu kein Meisterwerk nennen: Zu abhängig ist Nakata von der einen Schlussszene, zu träge schreitet der Plot voran, zu blass wirkt die Hintergrund-Geschichte der Kassette, und zu überhastet ist der allerletzte Twist. Trotzdem eignet sich Ringu vorzüglich als Einstieg in die asiatische Welt des Grusels. Das Setting ist zugänglich, die Grundidee packend, das Mysterium fesselnd. Aber Achtung: Das Teil kann eine Röhrenfernseher-Phobie verursachen. Na ja, glücklicherweise gibt es davon nicht mehr allzu viele.

8/10

Saturday, 20 February 2016

Stoker (2013)

(Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.)

Überstilisierter, morbider Horror-Thriller über eine gefühlsleere Familie

Richard Stoker ist tot; und niemand weiss so recht, weshalb. Fest steht nur, dass seine Ehefrau Evelyn (Nicole Kidman) und seine Tochter India (Mia Wasikowska) nurmehr zu zweit im noblen Stoker-Anwesen leben. Nach der Beerdigung des Familienvaters nistet sich jemand Drittes im Hause ein: Charles Stoker (Matthew Goode), Richards mysteriöser Bruder. Anfangs zeigt India ihrem charismatischen Onkel die eiskalte Schulter, zumal sie eine Affäre zwischen ihm und Evelyn vermutet. Doch die Dinge sind anders, als sie scheinen, denn die Familie Stoker verbirgt so einige dunkle Geheimnisse …

Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook (Oldboy; I'm a Cyborg, But That's OK) ist ein grandioser Stilist des Morbiden. Sein Talent stellt er auch in der vorliegenden, englischsprachigen Produktion Stoker unter Beweis. Der Film beginnt bereits auffällig mit schiefen Kamera-Einstellungen und scheinbar unmotivierten Freeze Frames. Das Stoker-Anwesen und der umliegende Garten wirken bedrückend und kalt, wenn auch faszinierend in ihrer düsteren Noblesse.

Mia Wasikowska (Alice in Wonderland, 2010) als India Stoker ist wie ein schlafender Vulkan, der kurz davor ist, auszubrechen. Sie entspricht dem Klischee des zugeknöpften, doch anziehenden Mauerblümchens. Der Gefühlsleere im Äusseren entspricht ein Brodeln im Innern. Wasikowska bringt den Spannungsbogen ihrer Figur subtil und gleichzeitig kraftvoll zur Darstellung. Matthew Goodes (Watchmen, The Imitation Game) Leistung als Charles Stoker ist nicht weniger beeindruckend: Den weltgewandten Schönling nimmt man ihm ebenso mühelos ab wie den unberechenbaren Weirdo. Leider hat Nicole Kidman (Dogville, The Others) kaum Gelegenheit, wirklich zu glänzen; sie mimt die anhängliche und verletzliche Dame des Hauses aber anstandslos.

Sieht man von einzelnen visuellen Leckerbissen ab, bleibt die Inszenierung Parks überraschend bodenständig. Trotzdem weist Stoker durchaus den ein oder anderen „Was zur Hölle war das denn bitteschön?“-Moment auf. Solche Momente ergeben sich diesmal nicht unbedingt aus surrealen Bildern, sondern vor allem aus dem Inhalt, der von Minute zu Minute stärker in die perverse Erotik abdriftet. Diese Perversität hat nicht nur mit den latent inzestuösen Geschehnissen im Hause Stoker zu tun; sie ist insbesondere der Tatsache geschuldet, dass Park das sexuelle Erwachen Indias eng an Gewalt und Tod knüpft. Die Schlüsselstelle dieses Filmes ist eine verstörende Masturbations-Szene, die keineswegs Ausdruck der Lust, sondern vielmehr Ausbruch der Verzweiflung ist.

Es ist denn auch diese Szene, die den letzten Akt von Stoker einläutet; und der ist keine leichte Kost. Die Taten der drei Hauptfiguren werden zusehends fragwürdiger; und zwar nicht nur moralisch (mit Moral hat dieser Film gar nichts am Hut), sondern emotional. Eine Identifikation mit den Stokers ist zuletzt kaum mehr möglich. Besonders die Charakterentwicklung Indias wird inhaltlich nur unzulänglich ausgeleuchtet, sodass sich der Zuschauer mit der Symbolik des Filmes behelfen muss. Diese fällt teilweise leider etwas flach aus, namentlich wenn es darum geht, Indias verlorene Unschuld darzustellen. Stoker spricht äusserst interessante Themen an: apathische Grausamkeit, familiäre Abhängigkeiten, unwilliges Erwachsen-Werden, sexuelle Frigidität und grüblerische Einsamkeit. Alles dies gipfelt in einem zwar ungewöhnlichen, doch unzugänglichen Finale.

Stoker ist besonders dann interessant, wenn er die Grenzen der morbiden Erotik auslotet. Hier macht sich ein ganz eigener Grusel breit. Stilistisch überspannt Park manchmal merklich den Bogen. Trotzdem: Dieser Film ist ein Fest für die Sinne, ein elegant-düsteres Familienportrait und eine unterkühlte Charakterstudie. Die enigmatische India Stoker hat das Zeug dazu, eine ikonische Figur des Horror-Genres zu werden. Aber dafür müssen wir wohl noch ein paar Jährchen warten. Denn für die Familie Stoker erwärmt man sich nicht von heute auf morgen.

8/10

Saturday, 6 February 2016

Friday the 13th (1980)

Spannender, plumper Pionierfilm des Slasher-Genres

Steve Christy (Peter Brouwer) heuert eine Handvoll Jugendliche an, um das Ferienlager Crystal Lake auf Vordermann zu bringen. In einer Woche soll das Camp seine Tore öffnen. Wie jeder andere aus dem Dorf weiss auch Christy, dass Crystal Lake keinen guten Ruf hat: Vor Jahren ist im See ein Junge ertrunken, und einige mysteriöse Tode haben sich auf dem Gelände ereignet. Als die sorglosen Jugendliche anreisen, ahnen sie nichts von den üblen Vorzeichen …

Sean Cunninghams Friday the 13th ist ein Slasher-Film, wie er im Buche steht. Alles ist da: von der Aussenwelt isolierte Jugendliche, ein irrer Massenmörder und blutige Todesszenen. Ob sich Cunningham und sein Drehbuchautor Victor Miller damit ein Denkmal gesetzt haben, auf das sie stolz sein können, ist sicher streitbar. Die verstrichene Zeit hat dem Film jedenfalls nicht gut getan. Nach der gefühlt tausendsten Aufbereitung dieses klassischen Schemas weicht die Spannung eben unweigerlich, und wir fühlen uns übersättigt.

Andererseits muss man zugeben, dass Cunninghams Inszenierung stellenweise mitten ins Schwarze trifft. Nach dem zähen Beginn nimmt die Handlung immer mehr Fahrt auf und enthüllt einige durchaus überraschende Schock-Momente. Die Atmosphäre des Films kommt vor allem durch den billigen, geerdeten Look zustande. In atmosphärischer Hinsicht muss sich Friday the 13th allerdings klar hinter anderen Genre-Pionieren wie Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre (1974) und John Carpenters Halloween (1978) einreihen. Mit ein bisschen mehr Blut ist es dann doch nicht getan … Wo die beiden genannten Filme ernst und beunruhigend waren, setzt Cunningham tendenziell eher auf makabere Plumpheit. Der Voyeurismus ist hier jedenfalls schon angelegt.

Da reissen die letzten zwanzig Minuten noch Einiges heraus. Die Begegnung mit dem Killer ist definitiv Höhepunkt des Films. Ganz am Ende serviert uns Miller dann noch so etwas wie einen Twist. Das ändert allerdings nicht viel: Friday the 13th ist und bleibt ein dreckiger, derber und platter Horrorfilm. Als solcher ist er ziemlich effektiv: Suspense kann man dem Streifen nicht absprechen. Trotzdem gab es Regisseure vor Cunningham, die mehr Fingerspitzengefühl und Klasse bewiesen haben. Hier gibt’s einfach eine mitten in die Fresse. Das mag auch seinen Reiz haben, nur der Wiederschauwert hält sich in Grenzen.

6/10

Ido (2005)

Kompromissloser Ausdruck von Verwirrung und Verzweiflung

Ein mysteriöser Mann, der von sich behauptet, das Gedächtnis verloren zu haben, kommt als Arbeiter in einer Schweinefarm unter – und wird Zeuge seltsamer Vorfälle. Seine Kollegen sind von Beginn an schräg drauf, doch als der Chef der Schweinefarm tot aufgefunden wird, bricht der wahre Wahnsinn aus …

Kei Fujiwaras Ido ist ein Ausflug in die düstersten Ecken des menschlichen Unterbewusstseins. Die grotesken Gewalt- und Sexszenen werden so manchen abschrecken, wobei die konfuse Story ihr Übriges tun dürfte. Die japanische Regisseurin Fujiwara (als Schauspielerin zu sehen in Tsukamotos Kultfilm Tetsuo: The Iron Man) beschäftigt sich mit Themen wie Cross-Dressing, Voyeurismus, Homosexualität, häusliche Gewalt, Missbrauch und Kannibalismus. Ido ist verstörend und will verstörend sein. Wer dabei bleibt und sich auf die Atmosphäre einlässt, wird Zeuge eines originellen und atmosphärischen Films, der durchaus interessante Dinge zu sagen hat.

Der Look des Streifens ist dreckig und billig, doch die Bildführung hat etwas durchaus Ästhetisches. Die Musik ist klasse: Sie verleiht der Geschichte einen gespenstischen und grüblerischen Ton. Zur Soundkulisse gehört das unablässige Grunzen von Schweinen – ein Hintergrundgeräusch, das einen echt nervös macht.

Bemerkenswert ist, dass der Film trotz wirrer Geschichte und eklektischer Symbolik niemals auseinander fällt. Fast ist Ido eine Aneinanderreihung von sonderbaren Szenen. Fast. Immerhin ein Thema zieht sich durch den ganzen Film: Der Mensch als Tier, genauer gesagt als Schwein. Immer wieder werden Figuren vorgeworfen, sich wie Schweine zu verhalten. Einmal ruft ein Junge: „Ich bin kein Schwein!“ Tatsächlich verhalten sich die Charaktere tierisch und triebhaft – unmenschlich, könnte man sagen. Das Schwein als Leitmotiv hat mich an William Goldings Roman Lord of the Flies erinnert und an die Aussage, dass man das Biest nicht jagen kann, da es im Menschen selbst wohnt. (Als weiterer Referenzpunkt könnte das kunstvolle Horror-Videospiel Amnesia: A Machine for Pigs dienen.) Eine andere Seite dieses Themas ist die Körperlichkeit des Menschen: Die hauchende Erzählerin vertritt eine radikale Position, wenn sie den Menschen als blosse Fleischmasse bezeichnet. Mit Ido scheint Fujiwara eine  rücksichtslose Visualisierung dieser Fleischlichkeit angestrebt zu haben.

Im Film werden zwei weibliche Figuren von traumatischen Erinnerungen geplagt. Es wird suggeriert, dass es sich um Missbrauchsfälle handelt. Die Arbeiterin Ryo (gespielt von Kei Fujiwara selbst) tickt aufgrund ihrer Vergangenheit schliesslich aus und mutiert zum grässlichen Monster. Ich habe grossen Respekt vor Kunstwerken, die tiefen Schmerz kompromisslos zeigen. Wer immer mit psychischen Störungen in Berührung gekommen ist, weiss, dass das alles andere als rosig oder rational ist. Fujiwara fängt die Verwirrung und Verzweiflung von traumatisierten Menschen mutig und ehrlich ein.

Vornehmlich aus diesem Grund gefällt mir Ido besser, als er wahrscheinlich sollte. Der Film hat mich positiv überrascht. Es dürfte jedoch klar geworden sein, dass Ido keine Wohlfühl-Fahrt ist und bei den meisten Zuschauern puren Ekel auslösen wird. Wer weder mit Underground-Horror, noch mit Arthouse-Filmen etwas anfangen kann, macht besser einen weiten Bogen um diesen Streifen. Wer sich für die oben erwähnten Themen interessiert, sollte ihm allerdings eine Chance geben.

9/10